Buchbesprechungen

Eine „seelisch furchtbar strapazante Polygamie“
Frieda Gross, Pionierin weiblicher Selbstbestimmung, in einer Biographie

Von Oliver Pfohlmann

Der Expressionist Leonhard Frank beschrieb sie als „eine üppige Nofretete“, für Sigmund Freud war sie „eine der wenigen Germaninnen, die mir je gefallen haben“. Und dem unglücklich verliebten Anarchisten Erich Mühsam wurde sie gar zum „Schicksal“: Frieda Gross, die Ehefrau des Psychoanalytikers und Sexualrevolutionärs Otto Gross. Dessen tragische Lebensgeschichte, geprägt von Drogensucht, freier Liebe und dem Konflikt mit dem autoritären Vater, dem Strafrechtler Hans Gross, ist längst beschrieben worden, ebenso seine Rolle als Symbolfigur und Vermittler Freudscher Theorien, die er für die expressionistische Generation spielte.

Geliebte, Mutter und Schülerin


Der Reiz einer Biographie von Frieda Gross (1876 -1950) besteht jedoch nicht nur darin, eine bekannte Geschichte aus neuer Perspektive zu erzählen. Denn in ihrem Ringen um weibliche Selbstbestimmung jenseits bürgerlich-patriarchaler Moralvorstellungen zählt Frieda Gross zu den wichtigsten Protagonistinnen der ersten sexuellen Revolution, die nach 1900 im Umkreis von Lebensreform und Psychoanalyse stattfand, neben einer Franziska zu Reventlow, Emmy Ball-Hennings oder Frieda Weekley. – Über ein Jahrzehnt lang hat sich Esther Bertschinger-Joos auf Spurensuche begeben. Als eine Art roter Faden dient der in Zürich lebenden Biografin der bisher unbekannte Briefwechsel zwischen Frieda Gross und ihrer Freundin Else Jaffé, geborene von Richthofen. Neben ihrem „Herzens-Bethel“ Else, die nach 1900 als eine der ersten Frauen überhaupt in Heidelberg studieren durfte, kam sich die aus gutbürgerlichem Grazer Elternhaus stammende Frieda Schloffer zunächst wie ein „geistiger Krüppel“ vor. Ihre Sehnsucht nach intellektueller Herausforderung wurde erfüllt, als sie 1902 den jungen Arzt Otto Gross kennenlernte und – ein „Opfer an die staatliche Ordnung“ – ein Jahr später heiratete. Es war eine Beziehung, in der sie dem schon damals suchtkranken Otto Gross gleichermassen Geliebte, Mutter und Schülerin war und seine Ideen über „freie Liebesverhältnisse“ und „Mutterrecht“ begeistert aufsog. „Psychologie rede ich allmählich wie ein Alter“, schrieb sie an Else. „Otto hat mich gedrillt mit eiserner Konsequenz.“
Was das in der Praxis bedeutete, wurde nach dem Umzug nach München 1906 und der Geburt ihres Sohnes Peter deutlich. Denn im Umkreis der Schwabinger Bohème fanden Lebensexperimente statt, die selbst gestandene 68er verblüfft hätten. Weshalb die Verhältnisse kompliziert wurden: Nicht nur, dass Otto Gross seine Patientinnen auf eine Weise zu therapieren suchte, die niemals Freuds Zustimmung gefunden hätte – bald teilte Frieda ihren Mann auch mit Else. Hier wie bei anderen Schlüsselmomenten in Friedas Leben spekuliert die Biografin mit den Mitteln einer (gelegentlich übertriebenen) historischen Empathie und meist in Frageform über Motive und Beweggründe: „Den Mann mit der liebsten Freundin teilen, warum nicht? Dazu lebt Else in einer unglücklichen Ehe, von Edgar Jaffé ist sie enttäuscht. Taucht Otto als Befreier auf, als Erlöser aus ehelichen Zwängen?“

Eine Ehehölle


Tatsache ist: Dass Else Jaffé in der Folge ebenfalls von Otto Gross schwanger wurde, konnte dieser Frauenfreundschaft so wenig etwas anhaben, wie dessen anschliessende Beziehung mit Elses Schwester Frieda Weekley. Frieda Gross ging derweil in München und Ascona ihren eigenen Weg: mit Männern, die Otto ihr empfahl, wie Erich Mühsam oder dem Analytiker Ernest Jones. Oder mit Männern, die sie sich selbst aussuchte, wie den Philosophen Emil Lask oder den Schweizer Anarchisten Ernst Frick, dessen Lebensgefährtin sie in den Jahren nach 1909 wurde. Trotzdem blieb sie Otto Gross’ Frau – auch als er mehr und mehr der Drogensucht anheimfiel und ihm vorgeworfen wurde, den Suizid zweier Patientinnen verschuldet zu haben. C.G. Jung, der 1908 vergeblich versuchte, Otto Gross im Burghölzli zu therapieren, berichtete Frieda von der Hölle, zu der ihre Ehe geworden war: die Ehe mit einem Mann, der „oft tagelang nicht aus den Kleidern kam“ und „immer die Frau analysieren“ wollte.

Unbedingte Loyalität


Bemerkenswert ist Frieda Gross’ unbedingte Loyalität gegenüber ihren Nächsten, die auf bürgerliche Moralvorstellungen keine Rücksicht nahm und alle Mittel einsetzte, die ihr zu Verfügung standen, die Lüge ebenso wie ihren Körper. Als sich 1912 Ernst Frick in Zürich wegen seiner Beteiligung an einem Anschlag auf die Kantonspolizei verantworten musste, verführte Frieda den Vizepräsidenten des Zürcher Obergerichts Otto Lang, der im Gegenzug vor Gericht als Entlastungszeuge auftrat. „Gelt nicht wahr, zu sehr verachten thun Sie mich doch nicht?“, fragte sie deshalb Max Weber.

Der Soziologe war als wohlwollender Zuschauer von der „seelisch furchtbar strapazanten Polygamie“ in Friedas Leben fasziniert. In den Prozessen, die Hans Gross nach 1914 gegen seine Schwiegertochter anstrengte, war er Friedas Berater. Die Vormundschaft für seinen Enkel erhielt Hans Gross zwar nicht – aber Eva Verena, Friedas mit Ernst Frick gezeugte Tochter, wurde zum unehelichen Kind erklärt und damit lebenslang stigmatisiert, gegen den Willen des inzwischen entmündigten Otto Gross. Ein Sieg des „Vaterrechts“ über eine Frau, die sich in ihrem Eintreten für das „Mutterrecht“ als wahre Erbin ihres Mannes zeigte.

Quelle: „Neue Zürcher Zeitung“, Nr. 16 (21.1.2015
)

 

Publikation: Esther Bertschinger-Joos: Frieda Gross und ihre Briefe an Else Jaffé. Ein bewegtes Leben im Umfeld von Anarchismus, Psychoanalyse und Bohème. Verlag LiteraturWissenschaft.de, Marburg 2015. ISBN 978-3-936134-43-8

 

 

Leseprobe aus 11. Kapitel:
Max Weber zur Kur in Ascona – Gespräche mit Frieda Gross / S. 177 f.

Max Webers Gesundheit erforderte jährliche Erholungsaufenthalte; 1913 entscheidet er sich für Ascona. Dass Frieda Gross zu dieser Zeit dort lebt, scheint ihm bekannt zu sein: „[…] die Frieda wohnt, denke ich, oben am Berge, ich hier unten am See“, schreibt er seiner Frau am 28. März 1913. Doch schon einen Tag später stellt er erstaunt fest: „[…] als ich gestern von der Post kam, […] kam mir von der Thür meines Hauses her eine blonde Frau entgegen mit einem blonden, einem schwarzen Kind, – natürlich Fr[ieda]. […] Sie wohnt weiß Gott in meinem Hause, die Kinder mit dem Mädchen schräg gegenüber am Hafen. Aber man sieht sich nicht, wie das ja allein schon zeigt. Sie war etwas befangen, ist etwas in der Erscheinung ‚proletarisiert‘, aber sonst wie immer.“ Bald merkt er auch, dass er „das frühere Zimmer Fricks“ bewohnt.

So sieht man ihn denn bald mit Frieda zusammen auf dem Gartenbänklein am See sitzen. „Ich habe ein Gärtchen zur Benutzung, was am See liegt, das Haus selbst liegt an der hochgelegenen Straße mit recht schöner Aussicht.“ „Ich sitze sehr viel auf dem Bänkchen […], dann plaudert sie mich an – über Gott und die Welt.“ Bis zum 24. April, dem Tag seiner Abreise, rapportiert nun Max Weber seiner Frau die Begegnungen mit Frieda Gross und macht sich so seine Gedanken zu dem, was er sieht und hört:

Sie war ganz zuthunlich, ist im Grunde die Alte, mit recht gesundem Humor, etwas zerzottelt, die Schleiertücher etc. von Zigarettenfunken hie u. da durchgebrannt u.s.w., in der Erscheinung äußerst einfach, auch sonst innerlich stark vereinfachend stilisiert. Das jüngere Kind (Eva) höchst sensibel, schüchtern, ganz von der Mutter abhängig (weint bei jedem ernsten Wort von ihr), behütet wie ein Augapfel, – der Bengel (Peter) dem Vater gleichend, brutal und unliebenswürdig, bekommt von ihr Versprechungen (die schwerlich alle gehalten werden), wenn er sich „lieb“ verhalte, bleibt mürrisch, trotzig oder unbeherrscht, wird ihr (da er dem „Stiefvater“ sicher unerträglich sein muß) noch schwere Stunden machen. 
Frick kann man nicht nützlich sein. Damit er nicht Garn zu zupfen brauchte, sondern nach seinen Wünschen beschäftigt werden könnte, müßte er, nach dem unsozialen Schweizer Recht, die Gerichtskosten seines Prozesses haben zahlen können: 15000 Fr.! „Gott sei Dank, daß die Summe so hoch sei und man an ihre Aufbringung gar nicht habe denken können.“ Sie sieht ihn wie in der „Auferstehung“ bei Tolstoj, durch einen Schalter. Da der Staatsanwalt 15 Jahre Zuchthaus beantragt hatte, ist 1 Jahr Gefängnis für die Dummheit in der That gelinde, und gesundheitlich gehe es. […]
Sie spricht viel von sich. Scheidung von Otto Gr[oss] (er hat dementia præcox) ist rechtlich unmöglich, da sie katholisch in Österreich getraut sind. Der Junge macht viel Sorgen und wird noch mehr machen, er lernt jetzt bei ihr, aber das geht ja nicht weiter. Sie ist absolut einsam hier und möchte wohl gern fort, nur ist es hier so billig (und sie indolent).

Zwischen den Begegnungen mit Max Weber reist Frieda zum Gefängnisbesuch nach Zürich. Immer noch quält sie die Sorge, dass eine weitere Verurteilung folgen könnte, „was ca. 2 Monate mehr ausmachen kann“, wie sie Max Weber sagt. In Zürich wird sie krank und kommt einige Tage später als vorgesehen zurück.

Publikation: Esther-Bertschinger-Joos, Richard Butz: Ernst Frick. 1881-1956. Anarchist in Zürich, Künstler und Forscher in Anscona, Monte Verità.  Zürich: Limmat Verlag. 2014. 394 Seiten.  ISBN 978-3 -85791 -742 -4 

Von Albrecht Goetz von Olenhusen, IOGG

Ernst Frick, mit dem sich die beiden  Autoren, Esther Bertschinger-Joos und Richard Butz, in einer Art Doppelbiografie  befassen, gehörte zunächst  zum Kreis der Züricher anarchistischen „Weckruf“-Gruppe. Er wurde ferner bekannt durch seine Freundschaft mit dem anarchistischen  Psychopathologen und seit dem Abfall von Sigmund Freud radikalen libertären  Psychoanalytikers  Dr. med. Otto Gross (1877-1920), –  einziges Kind des bekannten Grazer Strafrechtsprofessors Hans Gross, einer der bedeutendsten Begründer der Kriminalwissenschaften in  Österreich, Deutschland und darüber hinaus in Europa und zudem  mit  langfristigen Wirkungen bis in die USA. Als Anarchisten gerieten beide und ihre Gruppe schon frühzeitig nach der Jahrhundertwende in das Fadenkreuz der polizeilichen Überwachung in europäischen Ländern,  namentlich in der Schweiz, in Preußen, Bayern, Baden und Österreich. Ernst Frick lebte einige Jahre später  mit Zustimmung von Otto Gross mit dessen Ehefrau Frieda Gross(1876-1950), Tochter eines Grazer Anwalts, u.a. in München und dann in Ascona sozusagen in „freier Ehe“    zusammen.

Ernst Frick war 1907 vom Züricher Obergericht wegen  seiner  politisch  motivierten Teilnahme an einem Überfall auf eine Straßenbahn freigesprochen worden.  1912 wurde er  – aufgrund von Zeugenaussagen in einem deutschen Verfahren –

wegen derselben Vorwürfe erneut angeklagt. Der nicht nur in der NZZ sondern weit darüber hinaus Aufsehen erregende Prozess wegen sog. Eisenbahngefährdung nach schweizerischem  Bundesstrafrecht  wurde wegen der angeblichen terroristischen Gewaltakte und  wegen der großen Zahl von 43 Zeugen und 6 Experten genauestens verfolgt. Das  Gericht schloss sich  nicht dem Gutachten des weithin bekannten Professors   Gustav Aschaffenburg (Köln)  über einen  fragwürdigen,  vermindert zurechnungsfähigen Belastungszeugen an , sondern dem des  Züricher Irreninspektors, der den Psychopathen als  ganz glaubwürdig erklärte.  Das Argument, dass der Irreninspektor als Schweizer „unsere Leute besser kennt als ein Gelehrter aus Köln“,  entsprach der prinzipiellen Ansicht  des nationalbewussten  schweizer Bundesanwalts genauso umstandslos wie der  des  Bundesstrafgerichts, das sich  dabei  des lautstarken  Beifalls der  dicht besetzten Zuschauertribüne sicher sein durfte.

Die Phalanx der Alibi- und Leumundszeugen, unter ihnen der angesehene und keineswegs  irgendwelcher  Sympathien für revolutionären Anarchismus verdächtige  Professor der Nationalökonomie aus Heidelberg, Alfred Weber, Bruder Max Webers,  vermochte dagegen nicht das Geringste auszurichten. Frick, der auf seiner Unschuld beharrte,  wurde wegen Eisenbahngefährdung und Vergehen gegen das Sprengstoffgesetz zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt.  Die Folge  war, dass seine gewerkschaftliche  Entlastungszeugin, Faas-Hardegger,  eine  in der Schweiz prominente Aktivistin,  ein Jahr später wegen Meineids verurteilt wurde.

Während sich alle Beteiligten darauf gefasst machten,  am Fuße des Monte Verità in Ascona  mit Frick ein glückliches Wiedersehen zu feiern, wurde sein Freund  Otto Gross, der seit 1911 mit einer Künstlerin in Ascona gelebt hatte, im Herbst 1913 auf Betreiben seines Vaters Hans Gross  von Berlin aus  nach Tulln in eine österreichische Psychiatrie eingeliefert und dann, weil man anarchistische Befreiungsaktionen befürchtete, in die als gegen Ausbrüche und gewaltsame Akte besser gesicherte     Psychiatrie nach Troppau.

In einer Reihe von ebenfalls  rechtshistorisch bedeutsamen Verfahren klagten nun Dr. Otto Gross gegen seinen Vater mit dem Vorwurf, unberechtigt asyliert und wegen „Wahnsinns“ im Sinne des AGBG  entmündigt worden zu sein, ausgerechnet mit seinem eigenen Vater als Vormund.  Damit konnte er jedenfalls in Teilen der Presse auf  zeitweilige Aufmerksamkeit rechnen – jedenfalls bis zu seiner Entlassung kurz vor Kriegsausbruch.

Seine Ehefrau beanspruchte ihrerseits   das alleinige  Sorgerecht für ihre zwei Kinder. Umgekehrt machte Prof. Gross die Unehelichkeit eines der Kinder geltend. Diese Verfahren sind nicht nur für die Entwicklung des Rechts der Zurechnungsfähigkeit, der Schuldfähigkeit, des Entmündigungsrechts, des Familien- und Erbrechts   und der Reichweite partriarchalischer Rechtskultur in Österreich von Bedeutung. Sie stehen auch im Zusammenhang mit der zeitgenössischen besonders  seit 1890  im Gange befindlichen Debatte um die Reform des „Irrenrechts“. Nachdem die von Rechts wie Links bis hin zu den  Liberalen   grundierte Reformbewegung seit Ende  des 19. Jahrhunderts durch etwa 200 Broschüren, durch Organisationen und mehr oder weniger fachlichen Zeitschriftenartikeln öffentlich und in Parlamenten   Fahrt aufgenommen hatte und in Deutschland und Österreich die Gemüter wegen angeblicher oder tatsächlicher ungerechtfertigter Psychiatrisierung  bewegte,  erlangte jetzt  die causa Otto Gross   durch die Kampagnen der deutschen und europäischen Expressionisten für  Otto Gross eine weit reichende Aufmerksamkeit und exzeptionelle  Bedeutung. Die creme de la  creme  der deutschen Literaten, Dichter  und Künstler  (von Else Lasker-Schüler, Franz Pfemfert  und Franz Jung bis hin zu Arnold Zweig, Erich Mühsam und vielen anderen) waren zwar erfolglos;  doch sind die Spuren dieser in den Zeitschriften REVOUTION und AK’TION  und in anderen Publikationen   propagierten Befreiungskampagnen und der verwickelten Prozesse, die von 1913 bis 1918 beim LG und OLG Graz  währten, in zahlreichen Romanen und Artikeln seit 1913  unübersehbar.

Sie  wurden   – auch z.B.  als Teil der Kafka- und Franz Werfel-Forschung –  seit einigen Jahrzehnten  Gegenstand interdisziplinäre Studien vor allem von Germanisten, Psychologen, Kultur- und Rechtshistorikern aus Europa und den USA.

Forscher wie Martin Green, Emanuel Hurwitz, Nicolaus Sombart, Harald Szeemann, Thomas Anz, Jennifer Michaels,  Stefan Pollak, Gernot Kocher, Gerhard Dienes,  Christian Bachhiesl  und andere Wissenschaftler  haben dazu  Entscheidendes beigetragen.

Die Manifestationen der heftigen  Generationenkonflikte  der expressionistischen Epoche bis in die Abgründe  zahlreicher Gerichtsverfahren vor und im Ersten Weltkrieg  haben die Fantasie und das Interesse vieler Forscher auch deswegen beflügelt, weil  neben Hans Gross zahlreiche  Prominente wie Sigmund Freud, C.G.Jung,  Max Weber und andere als Gutachter oder sonstwie Beteiligte, zum Beispiel auch Maximilian Harden oder Protagonistinnen der deutschen und österreichischen Frauenbewegung (wie Marianne Weber u.a.) als Parteigänger der Antagonisten und ihrer Netzwerke    auftauchen:  Unter ihnen ragt vor  allem  Max Weber ( Heidelberg) heraus,  als Berater und zeitweiliger faktischer Prozessanwalt von Frieda Gross in ihren Verfahren gegen Hans Gross um Sorgerecht, Ehelichkeit,  Unterhalt und Erbrecht. Die Briefwechsel Max Webers, die auch die prozessualen Engagements   Webers  minutiös in der MWG dokumentieren, legen über seine    mit Passion und  juristischer  Kompetenz geführte, außergewöhnliche  Verfahrensbeteiligung ein höchst aufschlussreiches Zeugnis ab.

Die paradigmatischen und rechtsgeschichtlich  dank der erhaltenen Akten einzigartigen  Prozesse mit ihren Fernwirkungen nach Deutschland, in die Schweiz, in eine Reihe anderer europäischer Länder  lässt sich   wegen der in den Biografien im Detail souverän  geschilderten Lebensläufe aufs eindringlichste studieren. Diese keineswegs randständigen, sondern exemplarischen  Lebensgeschichten der Frauen und des späterem Malers  zuvermiutteln implizit bewegende Einblicke in die dissidenten, die  „bukolischen Jahre der frühen Psychoanalyse“ (Johannes Cremerius). Sie sind zugleich Teil der Geschichte des Tessin, zumal  der Künstlerkolonien Asconas und Locarnos, wie auch  der  bekanntlich ausufernden und in mancher Hinsicht  strittigen     Biografieforschung zu  Max Weber (siehe  jüngst  die grossen  Biografien von Joachim  Radkau, 2005, Dirk Käsler und  Jürgen  Kaube, 2014 und die vielfältigen Arbeiten der Max-Weber-Spezialisten wie   u.a. Wolfgang Mommsen, Lepsius,Mitzman,   Schluchter, Whimster und  Stefan Breuer).

Esther Bertschinger-Joos’ Studie ,  auch eine Art Doppelportrait  von Frieda Gross und ihrer Freundin Else Jaffé- geb. von Richthofen, befasst sich vor allem aus der Perspektive dieser beiden bedeutenden und umschwärmten  Frauen mit ihren von den Konflikten und Prozessen mit  Otto und Hans Gross geprägten, tragischen   Schicksalen vor und während des Ersten Weltkrieges. Die Autorin hat, wie auch Richard Butz mit ihr in dem anderen biografischen Werk auf einer erstaunlich breiten Basis unbekannten Archivmaterials gearbeitet. So wie die  famose Pilotstudie von Richard Butz (St. Gallen)  eine weit gefächertes und dichtes  Bild der anarchistischen und künstlerischen Szenen in München, im  Tessin und in  der Schweiz entwirft, bis hin zu den zuweilen  engen ,  auch literarisch wichtigen  Kontakten Hermann Hesses zu diesem „Ensemble“ in Ascona,  so ist Esther Bertschinger-Joos’  sehr differenzierte abgewogene  Biografie zugleich ein   höchst bedeutsamer und obendrein sehr lesbarer  Beitrag  zu Lebensgeschichten  von Frauen und   zur Max-Weber-Forschung –

Quelle: „ZIER“ (2015)

frick

Die Mühen der Anarchie

Wegen «anarchistischer Umtriebe» mehrfach mehrfach verhaftet und verurteilt, dann als Künstler aktiv: Mit Ernst Frick (1881–1956) wird eine in Vergessenheit geratene Schweizer Persönlichkeit wiederentdeckt

Von Adrian Riklin

In vielen künstlerischen Kreisen gehört es zum guten Ton, ein wenig «anarchistisch» zu sein. Seit einigen Jahren wird das auch von gut situierten, überaus rechtsliberalen Netzwerken in Anspruch genommen: Der rechtslibertäre Mäzen spricht wohlwollend zu «staatskunsthochschulisch» geweihten Werken – und wettert «anarchistisch» gegen alles, was Recht und Staat ist.

Dass es in der Kunstgeschichte ernsthafte anarchistische Figuren gab und gibt, wird gern vergessen. Umso erfreulicher ist das Erscheinen eines Buchs von Esther Bertschinger-Joos und Richard Butz über den Künstler, Anarchisten und Forscher Ernst Frick. Schon der Titel deutet es an: Frick lässt sich nicht in einer Schublade unterbringen – weder kunsthistorisch noch politisch oder wissenschaftlich.

1881 als viertes von acht Kindern in Knonau ZH geboren, verbrachte Frick seine Kindheit wegen der vielen Stellenwechsel seines Vaters, der als Buchhalter für Maschinenfabriken unterwegs war, in Hottingen, Rikon bei Illnau ZH, Mailand und Uzwil SG. Als 1895 der Vater an den Folgen eines Zugunfalls starb, blieb die Mutter mit den acht Kindern zurück. Die Halbwüchsigen mussten ihrer Mutter und den jüngeren Geschwistern beistehen. So auch der vierzehnjährige Ernst, der sich in Hottingen früh von benachbarten KünstlerInnen inspirieren liess und eine künstlerische Laufbahn einschlagen wollte.

Im Fokus der Zürcher Polizei…

… erlebte Frick den Wandel Zürichs zu einer multikulturellen Arbeiterstadt. Es waren die Jahre, in der Demonstrationen und Streiks zum Stadtbild gehörten. Auch lebten zu dieser Zeit dank der damals liberalen Asylpraxis viele revolutionäre Köpfe in Zürich.

Frick politisierte sich im Juni 1902, als rund 1200 ArbeiterInnen von Escher, Wyss & Cie. in einen Streik traten. In dieser Zeit kam er in Kontakt mit anarchosyndikalistischen Kreisen. Prägende Figuren waren der Arbeiter- und Flüchtlingsarzt Fritz Brupbacher, die Gewerkschaftssekretärin Margarethe Hardegger von der Gruppe und Zeitschrift «Der Weckruf», der Dichter Erich Mühsam und der Psychoanalytiker Otto Gross. Man kann vermuten, dass in dieser Konstellation von gewerkschaftlichen, künstlerischen und intellektuellen Persönlichkeiten bereits jene Mischung angelegt war, aus der Frick später in Ascona seine eigene Persönlichkeit und Gedankenwelt entfalten würde.

Bald betätigte sich Frick als Redaktor des «Weckrufs» und als Teilnehmer bei «direkten Aktionen». Befeuert durch Streiks und Revolten in Russland, legten in Zürich im Jahr 1905 rund 3000 Maurer die Arbeit nieder, um für kürzere Arbeitszeiten zu kämpfen. Nachdem der Streik nach acht Wochen erfolglos geendet hatte, wurden am 1.-Mai-Umzug schwarze Fahnen mit dem Aufruf «Proletarier aller Länder, bewaffnet euch!» hochgehalten, worauf Frick und seine GenossInnen zunehmend in den Fokus der Polizei gerieten. Erstmals wegen anarchistischer Umtriebe für zwei Wochen inhaftiert wurde Frick im Juli 1905. Im August 1907 wurde er erneut verhaftet, nachdem ihn ein Zeuge als einen derjenigen identifizierte, die im Juni 1907 die Kaserne der Kantonspolizei überfallen hatten, um den russischen Revolutionär Georg Kilaschitzky zu befreien. Im Dezember 1912 wurde Frick in Ascona von Polizisten überrascht und nach Zürich überführt: Sein Bruder Paul hatte ihn in einem Brief als Mittäter bei einem politisch motivierten Überfall auf die Limmattaler Strassenbahn denunziert. Nach einem aufsehenerregenden Prozess wurde Frick zu «zwölf Monaten Gefängnis und Einstellung im Aktivbürgerrecht auf die Dauer von fünf Jahren» verurteilt.

Ein anarchistischer Autodidakt

Nach Ascona kam Frick zum ersten Mal 1906 durch Mühsam und Gross, um sich von einem Lungenleiden zu erholen. Damals versammelte sich auf dem Monte Verità eine illustre Schar: grossbürgerliche Dandys neben anarchistischen Aussteigerinnen, esoterische Veganerinnen neben exzessiven Bohemiens.

Fricks Neubeginn in Ascona im Jahr 1913 nach seiner einjährigen Haft in Regensdorf war schwierig. Stets musste er anarchistische FreundInnen, die von der Polizei verfolgt wurden, unterstützen. Erst mit der Zeit konnte er seine künstlerischen Ambitionen verfolgen. Zwischen 1916 und 1918 befand er sich unter den SchülerInnen von Arthur Segal. 1919 folgte die erste Teilnahme an einer Gruppenausstellung, 1924 war Frick Mitgründer der Malervereinigung «Der grosse Bär». Bis Anfang der vierziger Jahre folgten viele Ausstellungen im deutschsprachigen Raum. Danach begann der Autodidakt mit der Ausgrabung und der Erforschung der keltischen Befestigung Balla Drume in Ascona, die heute wissenschaftlich anerkannt ist.

Das Buch von Esther Bertschinger-Joos und Richard Butz ist neben seinem wohltuend profanisierenden Beitrag zur zuweilen gar sakralisierten Kulturgeschichte des Monte Verità (Butz) vor allem ein erhellender Beitrag zur Geschichte des Anarchismus in der Schweiz (Bertschinger-Joos). Gerade auch heutigen Künstlerinnen, Kunsttheoretikern und KunstmäzenInnen, die sich bei passender Gelegenheit anarchistisch schmücken, sei das sorgfältig recherchierte und mit zahlreichen Schwarzweissfotos bebilderte Buch empfohlen. Auf dass ihnen zu Bewusstsein komme, dass die anarchistische Praxis bei aller Schönheit, die in all den Ölbildern, Aquarellen und Kohlezeichnungen von Frick aufschimmert, mit nicht gar vorteilhaften Umständen verbunden ist.

Quelle: „WOZ, Die Wochenzeitung“, Nr. 43/2014 (23.10.2014)

 

Leben, Lieben und Leiden

Frieda Gross und Ernst Frick waren Aussteiger auf der Suche nach dem anderen Leben. Dieses andere Leben haben sie auf dem Monte Verità gefunden. Zwei Bücher zeichnen ihr Leben nach, morgen werden sie vorgestellt.

Von Rolf App

Eine Begegnung auf der Piazza von Locarno hat der heute 85jährige Ökonom Hans Christoph Binswanger noch lebhaft vor Augen. «Wir trafen Ernst Frick zufällig», schreibt er im Vorwort zu einer Biographie, die Esther Bertschinger-Joos und Richard Butz morgen in St. Gallen präsentieren (Kasten). «Er stand da in seiner zu dieser Zeit typischen Kleidung – farbiges Hemd, gebeulte Hose, Baskenmütze –, eine hagere Gestalt mit einem holzschnittartigen Gesicht.»

Sofort habe Frick Binswangers Vater in ein Gespräch verwickelt. Es ging um die keltische Siedlung «Balla Drume» oberhalb von Ascona, die er entdeckt hatte. «Er war so fasziniert von seiner neuen Aufgabe, dass er von diesem Thema gar nicht loskam. Wir standen stundenlang auf der Piazza, und ich war als Zuhörer fasziniert von der Hingabe an diese Aufgabe, mit der ihn niemand beauftragt hatte, die er sich selbst gestellt hatte.»

Im Kreis der Aussteiger

Anarchist, Künstler, Hobbyarchäologe, Sprachforscher: Ernst Frick, 1881 im Kanton Zürich geboren, aufgewachsen in Uzwil, gestorben 1956 in Ascona, hat viele Gesichter. Wegen anarchistischer Umtriebe sitzt er ein Jahr im Gefängnis, als Künstler wird er in Ascona zum Mitbegründer der Künstlergruppe «Der Grosse Bär». Er gehört in den Kreis jener Aussteiger, die auf dem Monte Verità nach neuen Lebensformen suchen.

Doch bevor es ihn nach Süden zieht, taucht Ernst Frick ein in die Welt der Arbeit. Bei Escher, Wyss & Cie. in Zürich macht er die Lehre, hier erlebt er im Juni 1902 einen Generalstreik. Er lernt den Arbeiterarzt Fritz Brupbacher kennen, den Revolutionär Erich Mühsam und den Psychoanalytiker Otto Gross. Er arbeitet an der anarchistischen Zeitschrift «Der Weckruf» mit. Bei Otto Gross begegnet er seiner zukünftigen Gefährtin und die Mutter seiner drei Töchter kennen – Frieda Gross, Ottos Frau. Otto Gross ist einverstanden mit der Beziehung. Er meint, Frick sei für sie der bessere erotische Partner. Es ist eine Zeit voller Liebesirrungen und -wirrungen.

Die Tochter erzählt

Eva Verena Schloffer, die erste Tochter von Ernst Frick und Frieda Gross, lässt in Esther Bertschinger-Joos das Interesse an deren Eltern erwachen. Sie lernt sie 1960 kennen und schreibt, es habe diese Tochter ein Leben lang belastet, ein uneheliches Kind zu sein. «Erst spät in ihrem Leben gelang es Eva Verena, sich mit ihren Familienverhältnissen zu versöhnen», erzählt sie.

So wendet Esther Bertschinger-Joos sich Frieda Gross zu und deren bewegtem Leben «im Umfeld von Anarchismus, Psychoanalyse, und Bohème», wie es im Untertitel zum Briefwechsel mit Else Jaffé heisst. Vom Ende her gesehen, scheine manches im Leben von Frieda Gross gescheitert zu sein, schreibt sie. «Die verwöhnte Tochter aus gutem Grazer Hause verbrachte ihre letzten Tage – sie starb 1950 – verarmt in einem Tessiner Bergdorf. Aber was sich in den Jahrzehnten dazwischen ereignet hat, ist erfüllt von intensivem Leben, Lieben und Leiden. Wellen des Glücks und des Unglücks wechseln sich ab.»

«Bermudadreieck des Geistes»

Aus der Spurensuche im Leben von Frieda Gross heraus entsteht auch das Lebensbild von Ernst Frick. Auf dem Monte Verità kommen seine bis in die Kindheit zurückreichenden künstlerischen Neigungen voll zum Ausbruch in einer Welt, für die der Ausstellungsmacher Harald Szeemann den Begriff «Bermudadreieck des Geistes» gefunden hat. «Es gibt keinen vernünftigen Grund, Maler zu werden, also auch keine verstandesmässige Erklärung», zitiert Richard Butz aus einem Text Ernst Fricks. Butz würdigt im zweiten Teil der Frick-Biographie dessen künstlerische Entwicklung.

Rückzug nach Bosco Gurin

Frick sucht nach einem Rückzugsgebiet und findet es im kleinen Bosco Gurin. Hier ist er nicht mehr elegant gekleidet wie in Ascona, sondern ein Bergler mit Béret oder Wollkappe. In Bosco Gurin und auf dem Lago Maggiore findet er seine Motive: die Bergwelt, versteckte Winkel, Tiere, Bäume, mystische Landschaften. «Menschen kommen auf seinen Bildern nur selten vor», schreibt Butz. «Wenn überhaupt, beobachtet er sie aus der Ferne oder stellt sie bei der Arbeit dar.» Ernst Frick sei «ein Mensch mit Widersprüchen und Gegensätzen, schwer zu fassen, auch als Künstler».

In späteren Jahren liegen ihm die Kelten- und Ursprachenforschung näher als die Malerei. Es ist die Zeit, in der ihm Hans Christoph Binswanger über den Weg läuft.

Quelle: „Thurgauer Zeitung“, Frauenfeld, 17.6.2015

 

Forscher mit Hang zum Bergler

Esther Bertschinger-Joos und Richard Butz haben ein biographisches Buch über den Anarchisten und Maler Ernst Frick geschrieben.

Von Rolf Löchel

„Pardon wird nicht gegeben“, gab der imperiale Herrscher Wilhelm II. anno 1900 seinen Soldaten in der berüchtigten „Hunnenrede“ mit auf den Weg, bevor sie zur Niederschlagung des Boxeraufstandes nach China aufbrachen. Die anarchistische Linke war seinerzeit allerdings keineswegs zimperlicher und beschied ihrem „Todfeinde“, den „Herrschern“, ihrerseits: „Pardon wird unter keinen Bedingungen gewährt!“ Nachzulesen ist diese feine Botschaft in einem Flugblatt der Schweizer „Weckruf“-Gruppe zum 1. Mai 1908. Zu den Mitarbeitern des Blattes zählte Ernst Frick. Der junge Anarchist entwickelte sich später zum Maler und Hobby-Forscher. Sonderlich bekannt wurde er jedoch auf keinem der so verschiedenen Gebiete, heute ist er weithin vergessen. Bislang tauchte er denn auch nur als eher randständige Figur in den Biographien bekannterer GenossInnen seiner frühen Jahre oder in Sach- und Fachbüchern über die Sehnsuchtsorte der alternativen Szene des frühen zwanzigsten Jahrhunderts Monte Verità und Ascona auf.

Nun ist ihm aber erstmals ein ganzes Buch gewidmet. Esther Bertschinger-Joss und Richard Butz haben es geschrieben und es trägt seinen Namen im Titel. Die beiden AutorInnen haben allerdings keinen gemeinsamen Text verfasst, sondern sich die Aufgabe der Lebensbeschreibung Fricks geteilt. Widmet sich Bertschinger-Joos der frühen anarchistischen Phase, die Frick als junger Mann durchlebte, so gilt das Interesse von Butz dem älteren Künstler und Forscher.

Bertschinger-Joos schildert den 1881 in dem Städtchen Kronau geborenen Schweizer als „sensiblen Jüngling“, der sich 1902 während eines Streiks zum „selbstbewussten, kämpferischen politischen Aktivisten“ entwickelt habe, der bald darauf durch sein „theoretisches Wissen, seine Lust, über ‚Gott und die Welt‘ zu diskutieren und zu streiten“ die Aufmerksamkeit seiner GesinnungsgenossInnen erregte.

Im folgenden Jahr erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Weckruf“, an der er von Beginn an mitarbeitete. Zu seinen Bekannten und MitstreiterInnen zählten zu dieser Zeit Fritz Brupbacher, Margarete Faas-Hardegger, Erich Mühsam und Otto Gross. 1904 übernahm er kurzfristig die verantwortliche Herausgeberschaft des „Weckruf“. Damit „wurde der Ton der Zeitschrift kämpferischer, gewaltbereiter“. Da sich der „ungeübte Redakteur“ jedoch bald überfordert und erschöpft fühlte, legte er das Amt nach nur einem viertel Jahr wieder nieder. Allerdings vertrat er von September 1905 bis Februar 1906 seinen zu dieser Zeit eine Gefängnisstrafe verbüßenden Nachfolger Robert Scheidegger noch einmal. Doch wurde das Erscheinen der Zeitschrift bereits im gleichen Jahr eingestellt. In den folgenden Jahren saß Frick selbst mehrere Gefängnisstrafen ab, etwa „weil er sich einer 21tägigen Militärdienstübung entzogen hatte“. Außerdem wurde er beschuldigt, auf einen Polizisten geschossen zu haben. Gegen Faas-Hardegger, die mit Frick womöglich eine Weile liiert war, wurde wegen des Verdachts der Falschaussage ermittelt. Sie hatte ihm ein – wie vermutet wurde falsches – Alibi gegeben, als er im Verdacht stand, 1907 an einem Bombenanschlag mit dem Ziel, einen Gesinnungsgenossen zu befreien, beteiligt gewesen zu sein. Frick wurde ungeachtet des Alibis zu einem Jahr Haft „ohne Anrechnung der Untersuchungshaft“ verurteilt, Faas-Hardegger wegen Falschaussage zu vier Monaten.

Die Gefangenschaft belastete Frick sehr und er begann in der Haft, seine bisherige Ideologie in Frage zu stellen. „In seinem Kopf kreisten unablässig Gedanken über Sinn und Unsinn, Recht und Unrecht, Freiheit und Gefangenschaft“, berichtet Bertschinger-Joos, die offenbar tiefe Einblicke in das Inneneben ihres Protagonisten hat. Immerhin kann sie sich dabei auf Max Weber berufen, der seiner Frau schrieb: „Das Gefängnis hat so auf ihn gewirkt, dass er mit seinem Grübeln über die Bedeutung des ‚Guten‘ nicht fertig wird. Dass der Erfolg des guten Handelns so oft gänzlich irrational ist und üble Folgen eintreten, wo man ‚gut‘ handelt, hat ihn irre gemacht daran, dass man überhaupt ‚gut‘ handeln solle.“ So kehrte Frick nach dem Gefängnisaufenthalt dem Anarchismus und überhaupt der Politik den Rücken.

Eine wichtigere Rolle als Faas-Hardegger, die vergeblich versucht hatte, ihn vor der Haftstrafe zu bewahren und selbst dafür büßen musste, spielte in seinem Leben jedoch eine andere Frau: Frieda Gross. Sie war mit dem bereits erwähnten Psychoanalytiker, Kokainisten und Polygamisten Otto Gross verheiratet. Seine Vielweiberei verbrämte der beredte Womanizer mit einer Heilslehre, der zufolge – leicht verkürzt und ein wenig polemisch gesagt – Frauen mit möglichst vielen Männern schlafen sollten, damit nicht mehr feststellbar ist, wer die Väter ihrer Kinder sind, was wiederum ganz im Sinne der Frauen sei, da es zur Überwindung des Patriarchats führen werde. Wie Bertschinger-Joos formuliert, war Gross „bereit“, seine Thesen „um jeden Preis zu erproben“. Anzumerken ist allerdings, dass es stets die Frauen waren, die diesen Preis zu zahlen hatten. Lotte Chattemer und Sofie Benz etwa kostete die von Gross praktizierte polygame Sexual- und Gesellschaftstheorie das Leben, während er nicht einmal für die Alimente seiner Kinder aufkommen mochte.

Von 1911 an lebte Frick mit Frieda Gross zusammen. Aus der Liaison gingen drei Kinder hervor. Das letzte gebar sie 1920 im Alter von 44 Jahren. Wie sich zeigte, war Frick ebenso wenig willens und in der Lage, für seine Kinder zu sorgen wie Otto Gross für die seinen.

Auch lebte er bei der Geburt des letzten Kindes bereits mit Margarethe Fellerer zusammen, die er allerdings erst 1941 heiratete. Die erfolgreiche Fotografin war zehn Jahre jünger als Frieda Gross, hatte dieser gegenüber für den stets klammen Frick den unschätzbaren Vorteil, über ein geregeltes Einkommen zu verfügen und wird von Butz im zweiten Teil des vorliegenden Buches als „flamboyant“ apostrophiert. Zwar war sein Verhältnis zu Frieda Gross schon lange „brüchig“, wie Bertschinger-Joos formuliert, und „die Liebe Ernst Fricks hatte sich eindeutig zu Gunsten Margarethe Fellerers verschoben“, doch mochte er auch nicht ganz auf Frieda Gross verzichten, sodass „die Konstellation Frick-Gross-Fellerer“ auch nach 1920 auf einige Zeit „ein Dreieck“ bildete.

Zwar schildert Bertschinger-Joos Fricks Leben bis zu dessen Tod 1956, doch konzentriert sie sich ganz auf seine anarchistische Phase und sein Zusammensein mit den GenossInnen und der damaligen Geliebten Frieda Gross. Insgesamt ist der von ihr verfasste Teil durchaus informativ, doch formuliert sie gelegentlich allzu unbedacht, so etwa wenn sie schreibt, Franziska zu Reventlow „versuchte sich mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten, auch mit Liebe gegen Geld“. Gemeint ist natürlich Sex gegen Geld.

Fällt der Abschnitt über Fricks Kunstschaffen bei Bertschinger-Joss denkbar knapp aus, so widmet sich Richard Butz im zweiten Teil des Buches dafür umso ausführlicher dem künstlerisch und später auch durch ein Forschungsvorhaben geprägten Lebensabschnitt Fricks, der 1924 eines der sieben Gründungsmitglieder der nicht sonderlich bedeutenden Asconeser Künstlergruppe „Der grosse Bär“ war. Auf eine Gründungsurkunde verzichteten die sieben Angehörigen ebenso wie auf Statuten oder gar ein Manifest. Ihre Mitglieder sind größtenteils vergessen. Immerhin aber gehörte ihr – als einzige Frau – auch die noch immer namhafte Expressionistin Marianne von Werefkin an. Die Gruppe als solche ist jedoch keineswegs dieser Kunstrichtung zuzurechnen. Vielmehr können ihre Angehörigen überhaupt „keiner bestimmten einheitlichen Stilrichtung zugeordnet werden“. „Das malerische Handwerk“ erwarb Ernst Frick Butz zufolge bei dem „Künstler und Kunstpädagogen“ Arthur Segal. Doch sei er eigentlich ein „überzeugter Autodidakt“ gewesen. Fricks Aquarelle „wirken durch ihre Feinheit und Transparenz“, „die Ölbilder und Figurendarstellungen treten zahlen- und qualitätsmäßig zurück“, zitiert Butz, der sich selbst offenbar kein fundiertes Urteil zutraut, die Kunsthistorikern Suzanne Lüthi. So weist er auch darauf hin, dass Lüthis Kollege Theo Kneubühler Frick für einen „mittelmäßigen und weitgehend gescheiterten Künstler“ hielt. Ihm selbst, gesteht Butz ein, „bleibt Ernst Fricks künstlerisches Leben und Wirken in vielem ein Rätsel“. Der von Butz verfasste Abschnitt ist allerdings reich mit teils farbigen Wiedergaben der Werke Fricks illustriert, so dass sich die Lesenden selbst eine gewisse Vorstellung von dem künstlerischen Wirken Ernst Fricks machen können.

Zwar zeigen die in den Band ebenfalls aufgenommenen „Fotos der 1920er- und 30-Jahre“ Frick als „asketischen Künstlertyp mit Zigarette zwischen den Fingern und elegant gekleidet“, doch gab es auch einen anderen, womöglich authentischeren Frick dieser Zeit: der seines damaligen Heimatortes, dem Walserdorf. Dort traf man ihn „nicht mehr elegant gekleidet, sondern als Bergler mit Beret oder Wollkappe“. Er habe eben einen „Hang zum Bergler“ gehabt, meint Butz wohl nicht zu Unrecht. Dieser Hang schlug sich auch in seiner etwa 1928 erfolgten Entdeckung einer keltischen Festung nahe Asconas nieder, die Frick fortan zu erforschen trachtete.  Ihr und Fricks Versuchen, aus dem Keltischen eine Ursprache abzuleiten, sind die letzten Abschnitte von Butz’ Text gewidmet.

Bis in sein dreißigstes Jahr hinein hat der Protagonist des vorliegenden Buches sicher ein bewegtes Leben geführt, ohne dass er allerdings je wirklich Bedeutendes geleistet hätte, sei es auf politischem oder künstlerischem Gebiet oder in der Kelten-Forschung. So hat er es wohl doch eher seinen Berührungspunkten mit Menschen wie Otto Gross, Franziska zu Reventlow oder Max Weber zu verdanken, dass er nicht ganz in Vergessenheit geraten ist. Doch sei’s drum, es wurden schon unbedeutenderen ZeitgenossInnen Biographien gewidmet.

Quelle: Literaturkriktik.de – Rezensionsforum