Dokumente zu Otto Gross und Umfeld

„Die Hand aus dem Lächerlichen“

Zwei Grazer, die Franz Kafka beeinflussten

Von Gerhard M. Dienes

Der Grazer Hans Gross (1847-1915), Begründer der Kriminologie als wissenschaftliche Disziplin, und sein anarchistisch-revolutionärer Sohn, der Psychoanalytiker Otto Gross (1877-1920) trugen zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen paradigmatischen Vater-Sohn-Konflikt aus. Beide standen in einem weit vernetzten Beziehungsgeflecht, zu dem Sigmund Freud und Max Weber, Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse gehörten, und beide beeinflussten das literarische Werk von Franz Kafka.

Kafka, am 3. Juli 1883 in Prag geboren, entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie, in der ein „aufstiegsorientierter“, „autoritärer Vater“ (Rainer Stach) dominierte, der den skrupelhaften, introvertierten Sohn als Außenseiter betrachtete und dessen literarische Ambitionen ablehnte. 

Kafka, der „ewige Sohn“, musste Jus studieren. An der deutschen Universität in Prag belegte er bei Hans Gross über drei Semester lang 16 Wochenstunden: Strafrecht, Strafprozess, Rechtsphilosophie.

Hans Gross, der Pionier der wissenschaftlichen Verbrechensaufklärung, arbeitete an der Zukunft einer gereinigten Welt und forderte vehement die Errichtung von Strafkolonien. Dorthin deportiert haben wollte er: Landstreicher, Revolutionäre, Gewohnheitsdiebe, Homosexuelle, Roma/ „Zigeuner“, Degenerierte etc. 

Der mit Gross bekannte deutsche Kriminologe  und Jurist Robert Heindl hatte eine Reihe von Strafkolonien auf Inseln in südlichen Meeren besucht und in einem der Lager eine Hinrichtungsmaschine entdeckt. Inspirierte Heindl durch Gross und Gross selbst Franz Kafka zu der Erzählung „In der Strafkolonie“? In ihr beschreibt der mit technischen Mechanismen berufsbedingt – Arbeiterschutz in Fabriken – vertraute Kafka minutiös einen Hinrichtungsapparat und machte damit erstmals die Folter zur Literatur. 

Eindeutig durch seinen Lehrer beeinflusst ist Franz Kafkas Roman „Der Prozess“. Bei Gross, der Untersuchungsrichter aus Besessenheit war, konnte Kafka die Figur des Richters eingehend studieren. Auch kannte Kafka das „Handbuch für Untersuchungsrichter“ des Hans Gross, ein weltweit rezipiertes Standardwerk für Kriminalistik, ganz genau. Schließlich gebrauchte Kafka für seine Erzählungen das Mundwerkzeug der Juristen, nicht zuletzt die Sprache des Juristen Hans Gross, die fast martialisch war.

Otto Gross, Sohn des Kriminologen und letztendlich gefallener Schüler Sigmund Freuds, war ein Kämpfer gegen das Patriarchat und damit gegen den Vater. Die Befreiung aus Vaterrechtszwängen durch rauschhaft-ekstatische Erhebung, Drogen zur Erweiterung des Bewusstseins, rauschhaftes Erleben in der Orgie waren für ihn emanzipatorische Handlungen im Sinne der revolutionären Vorarbeiten für eine bessere, matriarchalische Gesellschaft.

1913 ließ ihn sein Vater in Berlin verhaften und in einer Psychiatrischen Klinik in Tulln zwangsinternieren. Hans Gross setzte die Entmündigung des Sohnes durch: Verhängung der Kuratel wegen Wahnsinns.

Der Fall Gross. Der Vater gegen den Sohn. 

Kafka wusste darüber Bescheid, und es gibt Analogien – „Synthese von Vaterschaft und Bürokratie“ (Arnold Zweig), patriarchalische Allianz von Vaterfiguren, Gerichtsbehörden oder Schlossherren – zwischen dem realen Fall „Gross gegen Gross“ und dem fiktiven Fall des Josef K. im „Process“. Sie zeigen, dass Kafkas literarische Straf-, Schuld- und Angstphantasien keineswegs realitätsentrückt sind.

Im Dezember 1915 starb Hans Gross völlig verbittert in Graz. Der Sohn verlor sein Feindbild, aber auch den letzten Halt. 

Im Juli 1917 lernte Franz Kafka im kafkaesken Rahmen eines überfüllten Nachtzuges auf der Fahrt von Wien nach Prag Otto Gross kennen. In der Prager Wohnung von Max Brod entwickelten Kafka, Gross und Franz Werfel den Plan, eine Zeitschrift zur Bekämpfung des Machtwillens der Väter dieser Welt herauszugeben.

Kafka notierte: „Wenn mir eine Zeitschrift längere Zeit hindurch verlockend erschien […], so war es die von Dr. Groß, deshalb, weil sie mir, wenigstens an jenem Abend, aus einem Feuer einer gewissen persönlichen Verbundenheit hervorzugehen schien. Zeitschrift eines persönlich aneinander gebundenen Strebens. Mehr kann vielleicht eine Zeitschrift nicht sein.“

Es kam nicht mehr dazu. Otto Gross war physisch wie psychisch am Ende. In der Umbruchszeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde er halb erfroren in einer Hofeinfahrt in Berlin gefunden und starb am 13. Februar 1920.

Sein Tod wurde kaum zur Kenntnis genommen. Einer der wenigen Nachrufe stammt von Kafkas Freundin Milena Jesenska. Im „Prager Tagblatt“ charakterisierte sie ihn als „eine interessante Erscheinung“, als eine seltsame Mischung aus „revolutionärem Fanatismus und naivem Utopismus.“

Und Kafka, für den die Arbeiten des Otto Gross eine wesentliche Einführung in die Theorie der Psychoanalyse darstellten, erinnerte sich an dessen Journalprojekt mit lakonischen Worten: „ […] dass hier aber etwas Wesentliches war, das wenigstens die Hand aus dem ‚Lächerlichen’ hinausstreckte, habe ich gemerkt.“

Gerhard M. Dienes, Mitglied der Geschäftsführung des Universalmuseums Joanneum Graz mit Zuständigkeit für Auslandskulturprojekte

Quelle: Website Österreichisches Kulturforum, Galaxien – Essays II

 

Camilla Ullman 1908-2000. Nachruf

Von Gottfried M. Heuer, IOGG

29. Mai 2000 – Am 28. Mai dieses Jahres ist Camilla Ullmann nach kurzer Krankheit in Hamburg gestorben. Sie war die Tochter von Otto Gross und der schweizer Schriftstellerin Regina Ullmann (1884 – 1961). Camilla Ullmann wurde am 18. Juli 1908 in München geboren. Sie arbeitete als Kindererzieherin und Krankenschwester und lebte seit den 30er Jahren zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Maria Becker in Norddeutschland. Sie wurde in Feldkirchen bei München begraben, wo sie bei Pfleegeltern aufgewachsen war.

Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Interview, das Gottfried Heuer mit ihr im Sommer 1997 führte.

Camilla Ullmann wurde kurz nach ihrer Geburt zu Pflegeeltern gegeben. Ihr Pflegevater war Tischler. Sie erinnert sich: „Wir haben in den Ferien Versteck gespielt in den Särgen …“ Else Jaffé hatte versucht, Camilla in ihre eigene Familie zu integrieren. „Das sind wir Otto Gross schuldig!“ hat Frau Ullmann sie immer wieder sagen hören, und sie erzählt: „Man hat gedacht, nicht, dieses Kind von Otto Gross darf nicht verlorengehen!“ (lacht). „Nicht, so ungefähr hat man sich’s vorgestellt.“ Aber die Welt, in der sie aufgewachsen war, war eine andere als die von Else Jaffé. „Vielleicht hat man gehofft, da könnt‘ noch was draus werden, nicht wahr? … Die Welten haben sich nicht ganz vertragen … Ich war bei einfachen Pflegeeltern … Das bäuerische Element ist auch noch’n bißchen dazugekommen und hat die ganze Sache in eine andere Richtung getrieben.“ Sie blieb bei ihren Pflegeeltern, bis sie vier Jahre alt war, dann kam sie in ein katholisches Internat. „Das ist dann ein absolut katholischer Blickpunkt gewesen.“ Camilla Ullmann besuchte die Familie Jaffé oft während der Schulferien. Alle vier Wochen durften die Schülerinnen Besuch bekommen. Manchmal kam ihre Mutter. „Da hab ich immer sehr drunter gelitten, meine Mutter hatte immer soÌn Ausschnitt, der für das Kloster nicht paßte. Und ich dachte: ‚Kann sie nicht Kleider tragen wie normale Leute?!'“

Nachdem sie einige Zeit eine Hauhaltsschule besucht hatte, wurde Camilla Ullmann bevor sie zwanzig war für ein paar Jahre nach England geschickt, um die Sprache zu lernen. Sie wohnte in Brighton „bei einer Dame, die Quäkerin war, oder jedenfalls, ich meine, sie war vielleicht keine absolute Quäkerin, aber im Geiste der Quäker“. Sie bestand eine Prüfung in Manchester und bestand dann ihr Abitur in London machen. Sie arbeitete etwas als Krankenpflegerin flegerin in England und ging dann als Kindermädchen zurück nach Deutschland, wo sie bei Familien in Berlin und Hamburg wohnte. In Hamburg begann sie dann eine reguläreAusbildung als Krankenschwester. In den 30er Jahren traf sie dort an der Schwesternschule Maria Becker. Sie wurden Freundinnen und zogen zusammen. „Da ich nicht stubenrein war für die Nazis, konnte ich mein Krankenpflege-Examen nicht machen … Meine Mutter war nicht ‚arisch'“. Camilla Ullmann ging nach München, um dort an Krankenhäusern zu arbeiten, während Maria Becker in Norddeutschland blieb. Erst nach dem Krieg konnte Camilla Ullmann ihr Examen machen. Und sie traf Maria Becker wieder und hat seitdem mit ihr in der Nähe von Hamburg zusammengelebt. „Sie hat meine Schwächen mitgetragen und auch mein Gutes mitgetragen. Wenn man schon allein im Leben steht, dann ist Freundschaft sehr sehr toll!“

Frau Ullmann hat ihre Mutter nicht wirklich nach ihrer Beziehung zu Otto Gross fragen. „Da mußte ich meine Mutter schonen … Meine Mutter konnte und wollte nicht darüber sprechen. Ich hab‘ das auch respektiert – es blieb mir ja auch nichts anderes übrig.“ Während der letzten Monate ihres Lebens pflegte Camilla Ullmann ihre Mutter, bis diese 1961 starb.

„Was habe ich von meinem Vater? Es ist da doch eine Wärme, für die ich auch dankbar bin.“ Über Otto Gross sagt sie: „Der hat dann schlechte Manieren gehabt und die wollten sie dann nicht mittragen, die anderen Psychoanalytiker; oder er hat doch eben in ein Extrem geführt. [Und das war] auch gut, daß das dann nicht gemacht worden ist, denn das war einerseits, glaube ich, sehr tief kreativ, und andererseits sehr destruktiv, wennÌs in die falschen Hände kam … Der hat sich, glaub ich, selber den Weg abgeschnitten … Aber mein Vater ist doch, wie ich herausgekriegt habe, ziemlich totgeschwiegen worden von einer gewissen Kategorie von Menschen und Wissenschaftlern.“ Ich erwähne Freuds Mahnung an Gross: „Wir sind Ärzte und wollen Ärzte bleiben!“ Frau Ullmann antwortet: „Da hat Freud seine Grenzen gesehen, glaube ich, seine eigenen Grenzen. Und da hat mein Vater gesehen, daß er da wieder der Schöpferischere ist.“ Ich beziehe mich auf Freuds Bedenken bezüglich der Grenzen geistigen Eigentums und Frau Ullmann sagt spontan und mit Nachdruck: „Er stiehlt! – Der schöpferische Mensch – Freud hat das so gespürt – einerseits hat ihn das sehr gepackt, … andererseits hat er auch Angst gehabt. Einerseits berechtigt, und dann hat sich das ja bei meinem Vater so entwickelt, daß er nicht mehr salonfähig war, nicht? Das war die Zeit, wo er mit Morphium und allem möglichen Drum und Dran. Und mein Vater war halt sehr neugierig und hat das dann gleich gründlich gemacht, … so, wie Freud und Jung das nicht haben wollten. Die waren [sich] irgendwie zu gut dazu … Aber das ist natürlich ein gefährlicher Weg, und ich glaube, da hat mein Vater nicht die Grenzen gekannt oder halten können danach … Aber daß Otto Gross manches angelastet wird, das glaube ich schon, und manches ihm gestohlen wird, was er schöpferisch eigentlich herausgebracht hat – wirklich herausgearbeitet hat.“

„Er hat viel Unruhe hineingebracht in dieses Jahrhundert und viel Fruchtbarkeit auch, geistige vor allem. Und irgendwo hab‘ ich noch manchmal auch einen Schimmer davon, wissen Sie, so’n Zipfel – ich merke: du hast mir nicht nur Schweres in mein Leben gelegt, sondern auch etwas sehr Positives, und das Ja-Sagen zum Leben! Eine Wärme muß mein Vater gehabt haben … Und er hat auch eine Reinheit gehabt … Manchmal sage ich: ‚Mein lieber Vater, das habe ich von dir, daß ich ‚Ja‘ zum Leben sagen kann!'“

Als ich sie frage, ob ich ein Photo von ihr machen könnte, antwortet sie: „Ja – wenn’s Ihren Apparat nicht zerreißt! . . . Ich könnt‘ auch die Zunge ‚rausstrecken – das wär schön!“

 

„Archiv für Kriminologie“ (vormals „Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik“): Seit 50 Jahren im Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck / Begründer Otto Gross‘ Vater Hans Gross

Von Albrecht Götz v. Olenhusen, IOGG

Das heutige Archiv für Kriminologie wurde von Prof. Dr. jur. Hans Gross, Graz, 1898 gegründet. Damals hiess die Zeitschrift, in der auch der Sohn von Hans Gross, der Psychoanalytiker Dr. med. Otto Gross, anfänglich publizierte, noch „Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik“. Bis zum Tode von Hans Gross erschienen 65 Bände. Unter dem jetzt noch geläufigen Titel erscheint die Zeitschrift seit dem Jahre 1916. Das Archiv, das inzwischen auf mehr als 107 Jahre der Existenz zurückblicken kann, wurde verschiedentlich, insbesondere durch Prof. Dr. med. Stefan Pollak, Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg, in seinem Werdegang dargestellt, zuletzt in einem Beitrag in der Zeitschrift selbst, Bd. 215, Heft 5 und 6/2005, Mai/Juni 2oo5, S. 173-174.

Das Archiv wurde zunächst vom Verlag F. C.W. Vogel in Leipzig, alsdann von 1930 bis 1944 im Berliner Springer-Verlag  verlegerisch betreut. Dr. Robert Heindl führte das Archiv seit 1955 im Verlag Schmidt-Römhild fort. Das Lübecker Verlagshaus kann auf eine bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende Tradition zurückblicken. Zum 425. Jubiläumsjahr des Verlages veröffentlichte der Verlag eine von N. Beleke herausgegebenen Festschrift (2004).

Die Zeitschrift wurde im übrigen in der Tradition von Hans Gross seit 1972 durch Prof. Dr. jur. Friedrich Geerds herausgegeben. Geerds war dafür besonders geeignet, hatte er doch seit 1976/78 das „Handbuch für Untersuchungsrichter“ von Hans Gross bearbeitet und in 10. Auflage, nun unter dem Titel „Handbuch der Kriminalistik“ publiziert. Eine Friedrich Geerds gewidmete Festschrift unter dem Titel „Kriminalistik und Strafrecht, von E. Schlüchter herausgegeben, erschien im Jahre 1995.

 

Das Versprechen einer Glückseligkeit

Otto Gross, Michel Foucault und die „Sexuelle Revolution“

Michel Foucaults historische Analyse der modernen Sexualität macht verständlich, warum wir durch die „Sexuelle Revolution“ nicht wirklich freier und glücklicher geworden sind. Am Beispiel der Theorie von Otto Gross, einem frühen Linksfreudianer und Sexualrevolutionär, lässt sich aufzeigen, wie das Projekt der Befreiung der Sexualität einer essentialistischen Argumentationslogik verpflichtet bleibt und normierende Effekte generiert.

Von Simon Hofmann

Michel Foucault war der Erste, der Sexualität radikal historisiert, also als rein geschichtlichen Gegenstand untersucht hat. Sexualität ist für ihn nicht etwas Natürliches, das ausserhalb der Geschichte steht, sondern eine soziale Konstruktion. Im ersten und programmatischen Band seiner Sexualitätsgeschichte beschreibt Foucault die Sexualität als historisches Dispositiv (eine Verbindung von Diskursen, Institutionen, rechtlichen Regelungen und Praktiken), das sich seit der Aufklärung in der westlichen Welt entwickelt hat. Das Buch mit dem Titel „La volonté du savoir“ erschien 1976, zu einem Zeitpunkt, als das sexualrevolutionäre Selbstverständnis der 68er Generation einen Höhepunkt an gesellschaftlicher Popularität erreichte. Weit verbreitet war die Überzeugung, dass der gute Sex in der bürgerlichen Gesellschaft unterdrückt würde, dass er befreit werden müsse, und dass diese Befreiung ein glücklicheres Leben ermöglichen würde. Darin, dass er dieses Selbstverständnis hinterfragte, bestand die provokative, ja ketzerische Dimension von Foucaults Buch.

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Der Rebell und die Patriarchen. Otto Gross zwischen Sigmund Freund, C.G. Jung und Max Weber

Von Albrecht Götz von Olenhusen, IOGG

Mit drei bedeutenden Persönlichkeiten hat der Psychoanalytiker Otto Gross aus Graz, geboren 1875 als Sohn des Grazer Strafrechtsprofessors und Begründer der europäischen Kriminalistik, in seinem Leben als Rebell engen Kontakt gehabt. Mit  Sigmund Freud, mit C.G. Jung und Max Weber.  Alle Beziehungen verliefen unglücklich, man kann sogar sagen tragisch. Wenn ich hier im Kreise von so vielen Psychoanalytikern  mit dem Leichtsinn des Dilettanten ein wenig die Grenzen des Rechtshistorikers überschreite, dann bitte ich dies mir nachzusehen. Bernd Nitzschke ist es zu verdanken, dass er auf einem Kongress in Graz die bemerkenswerten Parallelen des Falles Otto Gross zum Fall Sabina Spielrein in ihren subtilen Beziehungen zu C.G. Jung und Sigmund Freud aufgezeigt hat. Er hat dabei die psychohistorisch schwierige Untersuchung gerade in Arzt-Patientenbeziehungen auf brilliante Art und Weise demonstriert, die auch bei meinem Thema eine wesentliche Rolle spielt.

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Quelle: Karger, André / von der Stein, Bertram (Gast-Hrsg.): Sigmund Freuds widerständiges Erbe –Bernd Nitzschke zum 70. Geburttstag. Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung. 19 Jahrgang, Heft 2/2015. Enthält Beitrag von Albrecht Götz von Olenhusen: Der Rebell und die Patriarchen. Otto Gross zwischen Sigmund Freud, C.G. Jung und Max Weber. Siehe auch Archiv „Dokumente zu Otto Gross und Umfeld“.  Pabst Science Publishers, Lengerich, 2015. ISSN 1615-8393.

 

Schwätzer, Maulhelden und Anarchistengesindel

Max Weber, Franz Jung und der juristishe Beginn des Falles “Otto Gross vs. Hs. Gross”

Von Albrecht Götz von Olenhusen, IOGG

Quelle: Sonderdrucke aus der Albert-Ludwig-Universität Freiburg

 

Ein Liebhaber – D. H. Lawrence in Oberbayern: Otto Gross

Von Peter Czoik

Do you know München and the Isarthal? I can recommend it to you any day for a treat – it knocks the Rhineland into a cocked hat. (The Letters of D. H. Lawrence, Vol. 1, S. 417)

Im Frühjahr und Sommer 1912 hält sich D. H. Lawrence an der Seite von Frieda Weekley, geborene von Richthofen, in München und im südlichen Umland auf. Vorausgegangen ist eine weitreichende Entscheidung: Lawrence hat sich der Gattin seines Französischprofessors Ernest Weekley, bei dem er seit 1906 studiert, angeschlossen und ist mit ihr aus Nottingham in ihre deutsche Heimat entflohen. Bereits am 18. Mai 1912 weilt Frieda in München, Lawrence kommt am 24. Mai aus Waldbröl nach, um sie dort zu treffen. Während er die enge Kleinbürgerlichkeit seiner Herkunft in England zurücklässt, flieht sie vor der bürgerlichen Konvention ihrer viel zu früh eingegangenen freudlosen Ehe. Verantwortlich dafür ist eine schillernde Figur der Schwabinger Bohème, die Frieda schon im Jahre 1907 kennengelernt hat: der österreichische Psychoanalytiker und Sigmund Freud-Schüler Otto Gross. Gross verbindet die Lehre Freuds mit der Emanzipation des Sexus zu einer radikalen anarchistischen Gesellschaftskritik – aus der Befreiung der Sexualität des Einzelnen soll die Befreiung der ganzen Gesellschaft hervorgehen. Als Otto Gross Frieda vorschlägt, ihren Mann zu verlassen, ist es wiederum München, wohin sie zu ihm stoßen soll. Wie ihre Schwester Else von Richthofen, verheiratete Jaffé, hat auch sie eine spontane Liebesaffäre mit ihm, bleibt aber zeitlebens eine glühende Anhängerin seiner „Erotischen Weltanschauung“. Im Roman Mr. Noon wird auf dieses libidinöse Verhältnis in der Figur Johanna Keighleys zu ihrem „phantastischen Liebhaber“ Eberhard mehrfach angespielt:

„Der gewöhnlichste Mann, den ich je hatte, ist eigentlich mein Ehemann. – Nein, ich hatte einen wunderbaren Liebhaber – einen Arzt und Philosophen, hier in München. Oh, ich liebte ihn so sehr – und ich wartete auf seine Briefe…“

„Wann, vor Ihrer Heirat?“

„O nein. Es ist erst zwei Jahre her. Er war zuerst Louises [Johannas Schwester, Anm. d. Verf.] Liebhaber. Er war es, der mich eigentlich befreit hat. Ich war einfach die konventionelle Ehefrau, die das Eingepferchtsein schlicht verrückt machte. Aber er war wunderbar, Eberhard. Ah, ich habe ihn wirklich geliebt.“ (Mr. Noon, S. 185)

„Liebe ist Sexualität. Aber man kann seine Sexualität nur im Kopf haben, wie die Heiligen früher. Das nenne ich allerdings eine Form der Perversion. Sie nicht? Sexualität ist Sexualität und sollte in der angemessenen Form ihren Ausdruck finden – finden Sie nicht? Und es gibt kein starkes Gefühl, das in jemandem geweckt wird und nicht ein Element von Sexualität enthält –“ (Mr. Noon, 187)

„Einfach Sexualität. Sie ist die Art von Magnetismus, der die Menschen zusammenhält und größer ist als die Individuen.“ (Ebda.)

Der Sexus als Vehikel einer strengen Naturphysik und Grundlage einer geschlossenen Gesellschaft, die Erneuerung der Welt aus dem Geist der Mythen: Von diesen teilweise kruden Ideen Otto Gross‘ bleibt auch der englische Dichter D. H. Lawrence nicht verschont. Den ewigen Antagonismus zwischen Reflexion und Emotion, Rationalität und Spiritualität, Zivilisation und Kultur, christlichem Humanismus und neuheidnischem Vitalismus – dargestellt anhand traumatischer Geschlechterbeziehungen – hat Lawrence nicht zuletzt in seinem bekanntesten Werk Lady Chatterley (Lady Chatterley’s Lover) zur Sprache gebracht. Doch noch befindet er sich am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere.

Dr. Peter Czoik / Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek (Quelle: Literaturportal-Bayern)

 

Otto Gross: Die Suche nach dem dritten Mann  – Oder: Was suchst Du Ruhe, da Du zur Unruhe geboren bist?

Von Gottfried M. Heuer, IOGG

Obwohl der österreichische Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker und Anarchist Otto Gross (1877 bis 1920) eine Schlüsselrolle bei der Entstehung dessen gespielt hat, was wir heute als „die Moderne“ bezeichnen, ist er bis jetzt weitgehend unbekannt geblieben. Es gab aber eine Zeit, und zwar in den ersten Jahrzehnten des gerade vergangenen Jahrhunderts, in der die berühmtesten Vertreter der damals noch ganz jungen Psychoanalyse diesen Otto Gross über alle Maßen lobten. Im Jahre 1908 schrieb Freud an Jung: „Sie sind doch der einzige, der auch etwas vom seinen geben kann; vielleicht noch Otto Groß“. Einige Monate später, nachdem Gross bei Jung in Behandlung gewesen war und die beiden sich gegenseitig analysiert hatten, schrieb Jung an Freud: „in Groß erlebte ich nur allzuviele Seiten meines eigenen Wesens, so daß er mir oft vorkam wie mein Zwillingsbruder“.

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Ein Jahrhundert Deutsche Gesellschaft für gerichtliche Medizin

Von Dr. jur. Albrecht Götz v. Olenhusen, IOGG

Der 100. Jahrestag der Gründung der Deutschen Gesellschaft für gerichtliche Medizin wurde bei einer Festveranstaltung am 30. Oktober 2004 im Berliner Harnack-Haus gefeiert. Prof. Dr. Stefan Pollak, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Freiburg i.Br., Herausgeber des von Hans Gross, Graz, gegründeten, inzwischen 106 Jahre alten „Archivs für Kriminologie“, so die heutige Bezeichnung, hat im neuesten Heft, Arch.Kriminol. 213: 56-57 (2004), die Geschichte der Gesellschaft umfassend und eingehend nachgezeichnet. Dabei wird auch auf den Gründer und langjährigen Herausgeber des Archivs, Hans Gross, Graz, eingegangen. Ferner wird auch die Geschichte der entsprechenden Gesellschaften in der Schweiz, in Österreich und in der DDR geschildert. Der sehr instruktive und ausführliche, mit einem Verzeichnis weiterführender Literatur versehene Beitrag Prof. Pollaks verweist u.a. auch auf das Hans Gross’sche „Handbuch des Untersuchungsrichters“, 6. Aufl., 1914, in welchem die wichtige Funktion der Gerichtsärzte dargestellt worden ist. Hans Gross hatte 1915 die Aufgaben der Zeitschrift formuliert, welche sich auch heute noch mit Recht als wichtiges Publikationsorgan für rechtsmedizinische Forschungsergebnisse versteht. Die Zeitschrift erscheint als Monatsschrift in Freiburg i.Br. Hans Gross veröffentlichte in der Zeitschrift auch frühe Beiträge seines Sohnes Otto Gross. Im gleichen Heft des Archivs für Kriminologie hat Prof. Pollak auch den folgenden Sammelband besprochen: Dienes, Gerhard / Rother, Ralf (Hrsg.): Die Gesetze des Vaters. Wien, Köln, Weimar (Böhlau) 2003. 287 S., kart. Es handelt sich um das Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung Graz 2003, in der die grenzüberschreitende Diskussion „zwischen Kriminalistik, Psychoanalyse und Literatur “ dokumentiert wurde und in deren Mittelpunkt das Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Hans und Otto Gross stand. An gleicher Stelle (S.57) des Heftes hat der Verf. dieser Notiz den Band von Christina Jung/Thomas Anz: Der Fall Otto Gross. Marburg: Transmit 2002, 169 S. kart. rezensiert. Darin wird – aus literaturwissenschaftlicher Sicht durch Christina Jung, Hamburg, und Thomas Anz, Marburg -, die durch die Verhaftung von Otto Gross in Berlin ausgelöste Pressekampagne im Winter 1913/14 dokumentiert und analysiert.

 

Betrachtung eines paradigmatischen Familienkonflikts – Das Grazer Symposium zu Hans und Otto Gross am 30. April 2005 im Stadtmuseum

Ohne AutorIn

Einen besonderen, unverwechselbaren Akzent setzte die Anwesenheit von Sophie Templer-Kuh, Tochter von Marianne „Mizzi“ Kuh und Enkelin von Hans Gross beim Symposium „Die Gesetze des Vaters“ im Grazer Stadtmuseum am 30. April 2005. Ständig diskret begleitet von einem Film-Team der Firma Indi-Film, das an den verschiedenen Stationen der Biographien von Vater und Tochter einen Fernsehfilm für das ORF dreht, nahm sie an den Vorträgen regen Anteil. Bewegend ihre Ansprache bei der Präsentation des ihr gewidmeten Buches mit den Vorträgen vom Grazer Kongress der Internationalen Otto Gross Gesellschaft 2003, die unter der Überschrift „Wie ich meinen Vater entdeckte und viele neue Freunde gewann“ stehen könnte. Die vom Stadtmuseum Graz, seinem Direktor Dr. Gerhard Dienes und den anderen Mitarbeitern hervorragend organisierte Tagung (Mitveranstalter: die Karl Franzens-Universität, die Urania, sowie die Internationale Otto Gross Gesellschaft) führte die Forschungsansätze der auch international weithin beachteten Ausstellung „Die Gesetze des Vaters“ vom Oktober 2003 fort. Mit Dr. Ralf Rother, Wien, als Moderator, präsentierte der Grazer Rechtshistoriker, Dekan Prof. Dr. Gernot Kocher in einer ungemein aufschlussreichen und subtil interpretierten Auswahl aus 400 vom Kriminalmuseum Graz neu erworbenen Briefen des Familienkreises um Hans und Otto Gross überraschende Einblicke in die Frühgeschichte einer bürgerlichen Familie und der Biografien von Vater und Sohn ­ mit neuen Erkenntnissen über Adele Gross und ihre Mutter und damit über die, die frühe Sozialisation von Otto Gross mit prägenden, bislang kaum sichtbaren Frauen-Figuren und untergründig wirksamen familiären Strukturen.

Die Vater-Sohn-Beziehung aus moderner psychiatrischer Sicht und die bemerkenswerten Bezüge von Otto Gross‘ Theorien zur modernen Hirnforschung zeigte der Grazer Psychiater Prof. Dr. Piringer auf. Leben. Werk und Wirkung von Hans und Otto Gross wurden in – von Dr. Gerhard Dienes und Dr. Gottfried Heuer, London, – treffend akzentuierten biografischen Abrissen dargeboten. Dr. Albrecht Götz v. Olenhusen, Freiburg i.Br., stellte den gerade erschienenen Sammelband des Grazer Kongresses der Internationalen Otto Gross Gesellschaft, „Die Gesetze des Vaters“, herausgegeben von ihm und Gottfried Heuer, vor. Patriarchatsdebatte, Frauenemanzipation und Erbrecht als zentrale übergreifende rechtshistorische Themenstellungen der Prozesse des „begnadeten Netzwerkers“ (P. Becker) Hans Gross seit 1913 bildeten die Schwerpunkte seines Vortrages. Kontrapunkte zu den wissenschaftlich orientierten Darstellungen bot die anschließend dargebotene markante Szenenauswahl aus dem im Oktober 2003 uraufgeführten Theaterstück „Otto Gross ­ Tod eines Anarchisten“, präsentiert von Reza Kanzian und Franz Blauensteiner, Graz. Krönender Abschluss der überzeugend von Dr. Dienes konzipierten Programmfolge war dann die Lesung der spannungsgeladenen dokumentarischen Text-Collage (Prof. Balluch, G. Dienes) mit Texten von Kafka, Freud, C. G. Jung, Otto und Hans Gross. Hier wurde einmal mehr durch grandiose Vortragskunst deutlich, weshalb sich dieser Jahrhundertkonflikt für Literatur, Psychiatrie, Psychoanalyse und die politische Avantgarde zum Symbol einer Epoche, zum nachwirkenden Faszinosum entwickelte.

 

Ungarische Otto Gross Gesellschaft gegründet

25. Februar 2007 – Im Rahmen einer ersten Versammlung ist am 24. Februar 2007 in Budapest die ungarische Zweiggesellschaft der Internationalen Otto Gross Gesellschaft Leben gerufen worden. Die zwanzig Gründungsmitglieder, unter denen sich Journalisten, Juristen, Neurobiologen, Psychoanalytiker, Psychologen, Schriftsteller, Soziologen und Universitätslehrer finden, haben es sich zum Ziel gesetzt, Otto Gross‘ Schriften und Theorien, bzw. die im Ausland zu Gross publizierte Literatur in Ungarn einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Gleichzeitig ist es geplant, in Zusammenarbeit mit der Internationalen Otto Gross Gesellschaft und den anderen zwei psychoanalytischen Vereinigungen Ungarns, die Forschungsergebnisse an Konferenzen und Tagungen zu präsentieren sowie Ausgaben zu veröffentlichen.

Der Vorstand der Gesellschaft besteht aus: Dr. phil. Péter György Hárs (Kunst- und Literaturwissenschaftler, PhD in Psychologie, Vorsitzender), Dr. phil. Zoltán Szabó (Wirtschaftswissenschaftler, PhD in Psychologie, Universitätsdozent, Stellvertretender Vorsitzender), Melinda Friedrich (PhD-Studentin, Sekretärin). Die Gesellschaft ist offen für alle Personen, die sich für die Geschichte der Psychoanalyse, Sozialforschung, Literatur und Kunst interessieren.

Wie der Vorsitzende, Dr. phil. György Péter Hárs, mitteilt, ist der Vorstand der Gesellschaft hoch erfreut, mit Prof. Dr. Ferenc Erös, einen der Gründer der Zeitschrift „Thalassa“, der Sándor Ferenczi Vereinigung und Leiter des Doktorandenprogramms „Theoretische Psychoanalyse“ der Universität Pécs, unter den Mitgliedern begrüßen zu dürfen. Zwei Mitglieder der Gesellschaft befassen sich als Ph.D.-Studentinnen in ihrer Dissertation mit Otto Gross: Tímea Szabó (USA) und Melinda Friedrich (H). Im Namen der Vereinigung bedankt sich Dr. Hárs bei den Mitgliedern der Internationalen Otto Gross Gesellschaft für jede Hilfe und Unterstützung. (IOGG).

 

Franziska Gräfin zu Reventlow – eine Lübecker Ausstellung 2010

Von Albrecht Götz v. Olenhusen,

20. September 2010 (iogg) – In der Zeit vom 12. September 2010 bis 21. November 2010 wird im Buddenbrookhaus, Heinrich-und Thomas-Mann-Zentrum, Lübeck, die Ausstellung ‚Alles möchte ich immer‘. Franziska Gräfin zu Revenlow 1871-1918“ gezeigt.

Der Band mit dem gleichen Titel, von Kornelia Küchmeister, Dörte Nicolaisen und Ulrike Wolff-Thomsen mit einem Beitrag von Ulla Egringhoff, Göttingen: Wallstein 2010 bringt biografische Beiträge zu Kindheit und Jugend, der Lübecker Zeit der Familie, über das Künstlernetzwerk Münchens, die „polnischen Münchener“, sowie zu Reventlows ambivalentem Verhältnis zur Autorschaft.

Die exzellent konzipierte Ausstellung zeigt die vier großen Stationen: Husum, Lübeck, München und Ascona. Der wunderschöne Begleitband druckt die meisten der Exponate als Abbildungen.

Der Band beeindruckt auch neben den fundierten Artikeln vor allem auch durch die hohe Zahl bislang wenig oder nicht bekannter Dokumente und Bilder. Im Zusammenhang mit dem Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“ und unter der Rubrik „Freunde“ wird näher auf Erich Mühsam und den durch ihn vermittelten Otto Gross Bezug genommen. Die Beziehung zwischen Reventlow und Otto Gross wird nur relativ knapp gestreift (S. 214f.), auch die Freundschaft zu Frieda Gross und Ernst Frick, der Konflikt Ottos und Friedas mit Hans Gross kurz erwähnt, Marianne und Max Weber, für die sie einige Bedeutung hatte und vice versa, werden nicht thematisiert. Die Beziehung der Reventlow zu den „Wahrheitssuchern“ des Monte Veritá wird als eher skeptisch charakterisiert.

Diese Notiz soll die Leser der Internetseite der Internationalen Otto Gross-Gesellschaft auf diese hier nicht auszuschöpfende und daher auch nicht im Detail zu besprechende, sehr wichtige Ausstellung und Publikation hinweisen. Die Publikation enthält z.B. auch bemerkenswerte Ausführungen zu den frühen, auf Bachofen basierenden Matriarchatsvorstellungen der Münchener Kosmiker (S. 198ff.).

 

Symbole der Zukunft – Gedanken zum Tode von Harald Szeemann

Der Monte Verità liegt mir am Herzen.“ (Harald Szeemann)

Von Hermann Müller

Harald Szeemann ist tot. Der Wiederentdecker und Ausgräber des Monte Verità soll am 17. Februar gestorben sein, einen Tag nach Gräsers Geburtstag. Ich hatte ihm noch am selben Tag meinen Gruß von Gusto zugesandt.

Seine Verdienste um den Monte Verità sind unendlich groß. Nun ist die Frage: Was wird aus seiner Sammlung MONTE MITICO? Was wird aus seinem unvollendeten Gesamtkunstwerk MONTE UTOPIA?

Der Monte Verità war für ihn Haupt- und Herzenssache. Mit Schmerzen habe ich seinen jahrelangen zähen Kampf um eine sinnvolle Weiterführung der Geschichtstradition auf dem Berg verfolgt, ohne ihm dabei helfen zu können. Der Misserfolg in seiner eigenen Heimat in dieser Herzenssache ­ bei so vielen und großen Erfolgen in aller Welt ­ muss ihn tief bedrückt haben.

Er war ein Abenteurer und Rebell, immer auf der Suche nach „individuellen Mythologien“. Er hat gespürt, dass in diesem „Wahrheitsberg“ ein echter und fruchtbarer Mythos verborgen liegt. Er nannte ihn „Utopie“. In seiner Ausstellung hat er die Gesellschaft vom Berg so behandelt, „wie wenn Utopie Realität geworden wäre, wie wenn dieses faszinierende Potential zum WIR geworden wäre“. Er baute Utopie, er baute am Mythos.

„Die Ausstellung war ein Traum, fast ein Gesamtkunstwerk“, hat er über seine Monte Verità-Inszenierung gesagt. Der Monte Verità war sein Traum, und durch ihn sollte er ein Gesamtkunstwerk werden. Sein Tod hinterlässt uns die Aufgabe, den ungebauten „Tempel“, an dessen Konstruktion er mit so viel Liebe und Leidenschaft gearbeitet hat, zu vollenden.

Zu seinem Gedächtnis habe ich einige Äußerungen Harald Szeemanns angefügt, persönliche und öffentliche.

Er ruhe in Frieden!

„Nur der einzelne Schöpferische kann,
da kompromissloser,
wenn auch für die Zeitgenossen noch unverständlich,
die Symbole der Zukunft schaffen und damit vorerst für wenige andeuten.
Die Gesellschaft akzeptiert ungern einen einzelnen als Propheten,
politisch schon eher;
aber den Symbolschaffer verschmäht sie meist zu Lebzeiten.
Der Grund dafür ist offensichtlich:
Er ist außerhalb der Norm, es gab Zeiten, da nannte man ihn entartet.
Weil seine Werke Schöpfungen sind.“

„Eigentlich haben alle diese dritten Wege unseres Jahrhunderts dort auf dem Monte Verità ihre Wiege und ihre wichtigsten Vertreter: Anarchie, Theosophie, Lebensreform, künstlerische Avantgarde zu Beginn unseres Jahrhunderts als erste Revolution in der Kunst, dann Körperbefreiung und neuer Tanz… Es ist eine Geschichte, die nie unterrichtet wurde, weil sie immer ‚daneben‘ war.

Mich interessiert nur abweichendes Bewusstsein, weil nur darin Utopieenergien zu finden sind. Der Konsens … interessiert mich nicht, da er tradiertem Machtdenken entspricht. Und so interessiert mich auch lineares geschichtliches Denken nicht, weder links noch rechts, sondern nur die Präsenz der Utopie.

Wenn es einen Ort gibt, an dem nach dem Zusammenbruch der Ideologien und dem Wiederaufblühen des Rassismus und der Nationalismen wieder an übergeordnete Ideen und Idealismen erinnert und heute gedacht werden kann, dann ist es dieser Hügel, dieses Herzstück in einer neuzeitlichen sakralen Topographie.

Download Feuertanz und Orgie. Otto Gross, Gusto Gräser, C.G. Jung und der Monte Verità von Ascona. Von Hermann Müller (Deutsches Monte Verità Archiv, Freudenstein D, 1998.