Kongressberichte

Die Gesetze des Vaters. Der 4. Internationale Otto Gross Kongress in Graz, 24. – 26. Oktober 2003. Ein Kurzbericht

Von Albrecht Götz von Olenhusen, Freiburg i.Br.

5. November 2003 – Der 4. Internationale Otto Gross Kongress fand in diesem Jahr in Graz statt. Tagungsstätten waren das Robert Stolz-Museum und die Karl Franzens-Universität. Diese Tagungsorte boten sich an, weil das Stadtmuseum Graz unter der Leitung des Direktors, Dr. Gerhard M. Dienes, und Dr. Ralf Rother (Wien), zugleich eine groß angelegte Ausstellung zu Hans und Otto Gross, Sigmund Freud und Franz Kafka präsentierte. Der Besuch dieser Ausstellung, ein Vortrag von Dr. Dienes, sowie Besuche der „Ausstellungen in der Ausstellung“ – über „mißratene Töchter“ der 20er und 30er Jahre, der von Wolfgang Buchner zu den frühen Grazer Arbeiten von Otto Gross, wie auch ein Besuch im Hans Gross’schen Kriminalmuseum an seiner neuen Stätte in der Universität (die zugleich die frühere ist), bildeten die Höhepunkte des Programms. Der Besuch des Kriminalmuseums wurde durch einen Vortrag des Grazer Rechtshistorikers und Dekans, Prof. Dr. Gernot Kocher, aufs interessanteste bereichert. Prof. Peter Beckers‘ (Florenz) kriminologie-historischer Vortrag über Hans Gross und die Kriminologie und Kriminalistik der Jahrhundertwende stellte Hans Gross in seinen Ambivalenzen zwischen Tradition und Neubeginn sehr anschaulich und eindrücklich dar.

Auf Anregung von Gerhard Dienes hatte das Grazer Werkraumtheater ein eigenes Stück, „Tod eines Anarchisten. Der Fall Otto Gross“ entwickelt. Die Teilnehmer des Kongresses hatten die Möglichkeit, ein interessantes Experiment einer dramatischen Auseinandersetzung mit diesem schwierigen und umfangreichen Stoff zu sehen. Dabei bewiesen die vier Schauspieler grosse künstlerische Wandlungsfähigkeit, weil sie sämtliche der zahlreichen Rollen – in bewundernswerter Weise – spielten.

Zuvor hatte Dr. Emanuel Hurwitz, Begründer der Otto-Gross-Forschung, vor dem zahlreich erschienenen und sehr interessierten Publikum den Eröffnungsvortrag zu „Hans und Otto Gross – Väter und Söhne“ gehalten, zugleich auch eine persönlich-biografische Geschichte der Entstehung seiner nach wie vor unübertroffenen Biografie von Otto Gross (1979) war.

Sämtliche Vorträge des Kongresse werden wie bisher als Kongressband 2004 im Verlag LiteraturWissenschaft.de (Marburg) publiziert werden.

Anläßlich des Kongresses ist ein Begleitbuch zur Ausstellung, herausgegeben von G. Dienes und R. Rother (Wien: Böhlau 2003) zu Hans und Otto Gross, Sigmund Freund und Franz Kafka erschienen, „vier Personen, die durch Begegnungen und in ihren Auseinandersetzungen mit Gesetz und Strafe, dem Patriarchat und dem Staat, dem Eigenen und dem Fremden in Beziehung traten.“ Es enthält Beiträge von G. Dienes, R. Rother, G. Heuer, G. Kocher, C. Grafl, Janko Ferk, H. Samer, G. Agamben, A. Götz v. Olenhusen, R. Faber, E. Züchner, M. Green, L. A. Rickels, M. Turnheim, C. C. Härle und G. Palmer. Zum Kongress erschien außerdem die CD-ROM „Hans Gross gegen Otto Gross“ (Freiburg: Götz v. Olenhusen). Sie enthält Beiträge von Sam Whimster, Gottfried Heuer und dem Herausgeber, eine Bibliografie der veröffentlichten und unveröffentlichten Schriften von Otto Gross (G. Heuer), die gegenüber 1999 erheblich erweiterte Sekundärliteratur-Bibliographie von Raimund Dehmlow und Gottfried Heuer zu Otto Gross (mittlerweile mit rund 16oo Titeln), sowie zwei Erstveröffentlichungen von Oto Gross (hrsg. von G. Heuer), ferner die Transkription von Prozessdokumenten Hans Gross / Otto Gross 1913/1914 und die Transkription der Gutachten über Otto Gross aus seiner Militärzeit 1915-1917.

Die Vorträge der interdisziplinären Tagung umfaßten Beiträge aus den Bereichen Philosophie, Germanistik, Psychologie, Psychoanalyse und ihrer Geschichte, Rechtsgeschichte und Soziologie. Zwei Beiträge (Wolf, Heuer) befaßten sich mit dem Anarchisten Otto Gross. Eine ausführlichere Würdigung der Forschungsbeiträge soll noch gesondert erfolgen. Hier mag gesondert erwähnt werden, daß Esther Bertschinger-Joos (Zürich) die Biografie von Frieda Gross anhand von Briefen aus den Jahren 1882-1906 darbot. Bernd Nitzschke’s Beitrag zum „magischen Dreieck“ Otto Gross, C. G. Jung und Sabina Spielrein lieferte eine neue Sicht, gerade auch der Beziehung Spielrein – Jung, die sich von den Perspektiven der bisherigen Forschung plausibel abgrenzt. Mit Turner (zu D. H. Lawrence), White (zu Frieda Weekly, Otto Gross im Kontext von Taos) und Jennifer Michaels (zu Werfel) wurden den Zuhörern wichtige und neue Bereiche eingehend erschlossen. Das problematische Verhältnis von Freud, Bleuler und C. G. Jung beleuchtete Ernst Falzeder, Sam Whimster die ethischen Differenzen zwischen Max Weber und Otto Gross. Mein eigener Beitrag behandelte die unterschiedlichen Versionen von“ Wahnsinn“ im 1. Weltkrieg am Beispiel von Franz Jung und Otto Gross.

Die Ausstellung im Grazer Stadtmuseum in Graz wird noch bis Anfang Februar 2004 zu sehen sein. Sie ist in der Presse schon sehr positiv gewürdigt worden. Anläßlich des Kongresses erschien in der Wiener Zeitung vom 24. Oktober ein Portrait der Gross-Tochter Sophie Templer-Kuh (auch schon in taz und WOZ), die am Kongress wie immer lebhaften Anteil nahm. Auch konnten wir als Teilnehmer den Neffen und Grossneffen von Ernst Frick aus der Schweiz begrüßen. Das lokale, regionale und das überregionale Interesse an Ausstellungen und Kongress war – da Graz Kulturhauptstadt Europas ist -, trotz der Fülle anderer von kultureller Angebote in Graz, sehr gut. Die Internationale

 

Internationaler Otto Gross Kongress: „Die Gesetze des Vaters“ – oder: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. 24. – 26. Oktober 2003, Robert-Stolz-Museum, Karl Franzens-Universität, Graz, Österreich

Von Gottfried Heuer

20. Dezember 2003 – Als Programmbeitrag zu „Graz 2003: Kulturhauptstadt Europas“ hatte Herr Dr. Dienes, Direktor des Grazer Stadtmuseums, die Internationale Otto Gross Gesellschaft für ihren 4. Kongress in Gross‘ Heimatstadt eingeladen. Es war ein Gelegenheit, Otto Gross nach Hause zurückzubringen, fast die Rückkehr eines verlorenen Sohnes. 1902 hatte Gross‘ Braut Frieda Schloffer an ihre Freundin Else Jaffé geschrieben: „Die Grazer mögen ihn nicht. Zum Teil ist es die Abneigung der Philister gegen das Geniale. [. . .] Vielleicht etwas zu sehr „anders“ als die andern . . .“; und Gross‘ Kämpfe mit seinem Vater hatten archetypische Dimensionen. Nun, beinahe hundert Jahre später, bereitete die Stadt Graz wirklich sehr viel mehr, so schien es, als das biblische „gemästete Kalb“ für Gross‘ Rückkehr.

In der großen Ausstellung „Die Gesetze des Vaters. Im Spannungsfeld von Drogen, Sex und Rebellion“, entwickelt von Dr. Gerhard Dienes und Dr. Ralf Rother, Wien, fand eine Wiedervereinigung ­ fast eine Versöhnung! ­ statt zwischen Otto Gross und seinem Vater, dem berühmten Kriminologen Hans Gross. Die Ausstellung beschäftigte sich auch mit Sigmund Freud und Franz Kafka ­ vier Männer, die miteinander in persönlichem Kontakt gestanden hatten, und ihre jeweiligen Perspektiven auf Gesetz und Ordnung, den Staat, das Patriarchat, das Unbewußte, und die komplizierte Beziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Die Ausstellung enthielt zahlreiche Dokumente und Photographien als Leihgaben aus dem Otto Gross Archiv, London, das Gottfried Heuer 1996 gegründet hat. In den Straßen von Graz hingen große Transparente und Plakate, die die Ausstellung bekanntmachten, sodaß eine Kongressbesucherin aus Iowa schrieb: „Es war einfach zu schön, wie mich überall in Graz Otto Gross‘ Gesicht anschaute!“

Das stadtmuseum schuf für die Ausstellung auch eine viele Text- und Bildseiten umfassende Datenbank im Internet, und die beiden Ausstellungsgestalter Dr. Gerhard Dienes und Dr. Ralf Rother gaben einen eindrucksvollen, großformatigen Begleitband zur Ausstellung heraus, verlegt vom Böhlau Verlag, Wien, (www.boehlau.at). Auf fast 300 Seiten vereinigt dieses Buch das Neueste der internationalen Gross-Forschung von etwa 20 verschiedenen Autoren, unter ihnen Richard Faber, Berlin, Martin Green, Cambridge, New England, Laurence Rickels, Santa Barbara, Californien, Michael Turnheim, Paris, Eva Züchner, Berlin, sowie die Kongress Organisatoren Dr. Albrecht Götz von Olenhusen, Freiburg, und Gottfried Heuer, London, und die Herausgeber des Bandes.

In einem umfangreichen Rahmenprogramm veranstaltete das Stadtmuseum jeweils an Sonntagvormittagen zwischen September 2003 und Februar 2004 Lesungen des Schauspielers Gerhard Balluch von einer „Protokollcollage Gross gegen Gross ­ Ein schicksalshafter Vater-Sohn-Konflikt“, „Man hat ihn sehen müssen ­ Texte von Franz Werfel über Otto Gross“, „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben ­ Franz Kafka“, und „Ich lebe nackt und aufmerksam wie ein Hirsch ­ Hermann Hesse und der Monte Verità“. Zusätzlich dazu sprachen in einer abendlichen Vortragsreihe Gerhard Dienes zu „Der Mann Moses und die Folter der Maschine“, Ralf Rother über „Der Traum vom Ende Patriarchats ­ Oder: Was heißt es, den Tod zu überleben?“ Helmut Hanko und Gerhard Dienes über „Die Kaffeehäuser von München“, und Janko Ferch über „Lauter(e) Urteile. Franz Kafka, sein Lehrer Hans Gross und deren Richter“.

Das Grazer Werkraumtheater brachte ein zweistündiges Theaterstück zur Aufführung, Text und Regie Franz Blauensteiner und Rezka Kanzian, „Fall eines Anarchisten. Dr. Otto Gross“ – in dem mit unglaublich viel Kreativität, Schwung, Begeisterung und Können vier SchauspielerInnen 30 verschiedene Rollen spielten. Dabei wurden Otto Gross und sein Vater von demselben Schauspieler gespielt, genauso, wie zum Jahreswechsel 2002/2003 auf der Bühne des Londoner National Theatre in Christopher Hamptons Schauspiel „The Talking Cure“ Gross und Freud von dem demselben Darsteller gespielt wurden – interessante Beiträge zum Thema Vater-Sohn-Konflikt!

Die einzige noch lebende Tochter von Otto Gross, Sophie Templer-Kuh, wurde für die Dauer des Kongresses als Gast des Bürgermeisters von Graz beherbergt. Die Wochenendausgaber der Wiener Zeitung (Nr. 205, Extra, S. 8; www.taz.de/pt/2003/09/12/a0182.nf/text.ges,1 und www.taz.de/pt/2003/09/12/a0181.nf/text.ges,1) veröffentlichte zum Kongress ganzseitig eine Textvariante von Sandra Löhrs Artikel über sie „Die lange Suche nach dem Vater“, zusammen mit einem großen Photo. Als Ehrenpräsidentin der Internationalen Otto Gross Gesellschaft eröffnete Sophie Templer-Kuh den Kongress, nachdem die TeilnehmerInnen auf das Herzlichste von Dr. Dienes und Mag. Walter Titz, der für den Bürgermeister sprach, willkommen geheißen worden waren. Gottfried Heuer, London, der den Kongress zusammen mit Albrecht Götz von Olenhusen, Freiburg i. Br., organisiert hatte, hielt die Eröffnungsrede und stellte auch seine letzten Neuentdeckungen und die seines Mitorganisatoren vor: die letzten von Gross verfaßten Texte „Zur Solidarität im Klassenkampf“, und „Themen revolutionärer Psychologie“, beide aus dem Jahre 1920, sowie Dokumente aus dem Wiener Kriegsministerium, die ein neues Licht auf Gross‘ Aktivitäten als Lazarettarzt während des 1. Weltkrieges in Osteuropa werfen. All diese Neuentdeckungen sind veröffentlicht auf der CD-ROM, die Albrecht Götz von Olenhusen 2003 herausgegeben hat: „Hans Gross gegen Otto Gross. Die Geschichte eines Prozesses. Berichte. Dokumente. Bibliographie.“

Dr. Emanuel Hurwitz, Otto Gross‘ erster Biograph und Begründer der Gross-Forschung, sprach in seinem Festvortrag am Freitagabend über die Geschichtsschreibung zu Gross und die Beziehung zu seinem Vater. Bevor sich auf Einladung des Stadtmuseums sämtliche KongressteilnehmerInnen das Theaterstück des Werkraumtheaters ansahen, genossen alle den Wein- und Buffetempfang, zu dem der Bürgermeister von Graz geladen hatte.

Am Sonnabendmorgen sprachen Dr. Ralf Rother, Wien, über „Die Damen in der Strafkolonie. Zu Hans Gross und Franz Kafka“, Dr. Albrecht Götz von Olenhusen, Freiburg i.Br., „Über den Wahnsinn in Zeiten des Krieges: Franz Jung, Otto Gross und das Kriegsrecht“, Dr. John Turner, Swansea, Wales, über „Otto Gross and D. H. Lawrence“. Vorträge, deren Titel auf Englisch angegeben sind, wurden in englischer Sprache gehalten.

Am frühen Sonnabendnachmittag führte Dr. Gerhard Dienes durch die Ausstellung „Die Gesetze des Vaters“. Anschließend sprachen Dr. Ernst Falzeder, Spital am Pyhrn, über „Sigmund Freud, Eugen Bleuler, C.G. Jung und das Burghölzli“, Dr. Bernd Nitzschke, Düsseldorf, über „Das magische Dreieck ­ Otto Gross, C.G.Jung, Sabina Spielrein. Ein Bericht aus der Frühgeschichte der Psychoanalyse“, Gottfried Heuer, London, zu „‚Ganz Wien in die Luft sprengen? . . . Das wäre ja wunderbar!‘ Der Anarchist Otto Gross“, und Dr. Siegbert Wolf, Frankfurt am Main, über das Verhältnis zwischen Otto Gross und Gustav Landauer in „Psychoanalyse und Anarchismus“.

Zum Sonnabendabend hatte Prof. Dr. Gernot Kocher, Dekan der juristischen Fakultät der Karl Franzens-Universität die KongressteilnehmerInnen zu seinem Vortag über Hans Gross und eine Führung durch das von ihm neu eingerichtete Kriminalmuseum des Hans Gross in die Universität eingeladen. Dort hielt anschließend auch Prof. Dr. Peter Becker, Florenz, seinen Vortrag „Zwischen Tradition und Neubeginn: Hans Gross und die Kriminologie und Krminalistik der Jahrhundertwende“. Danach lud Prof. Dr. Kocher zu einem üppigen Empfang mit Wein und Essen ein.

Am Sonntagmorgen präsentierte Esther Bertschinger-Joos, Zürich, „Frieda Gross: Briefe aus Graz: 1882 ­ 1906. Ein Beitrag zur Biographie“ und gab damit zum ersten Mal in der Gross Forschung auch der Frau von Otto Gross eine Stimme. Prof. Dr. Jennifer Michaels, Grinnell, Iowa, sprach über „Der Deserteur beim Prieser Astaroths: Franz Werfel und Otto Gross“.

Sonntagmittag führte der Grazer Künstler Wolfgang Buchner durch seine „Ausstellung in der Ausstellung“ im Stadtmuseum, „Unterströmungen des Bewußtseins“, in der er Kunst mit dem psychiatrischen und neurobiologischen Frühwerk von Otto Gross über Energiefluß und Nervenbahnen in Beziehung setzte. Buchner sprach auch über die Rolle von Kokain im Leben von Otto Gross als eines Mittels, welches er zur Konzentration wissenschaftlicher Arbeit brauchte. Buchner verwendete in diesem Zusammenhang den Begriff „Assistent Kokain“. Eine weitere Begleitausstellung zur großen Ausstellung „Die Gesetze des Vaters“ war die von Mag. Annette Rainer gestaltete „Mißratene Töchter. Avantgardistinnen der 20er und 30er Jahre im Schatten des Patriarchats“, ebenfalls im Stadtmuseum, die sich besonders mit der Grazer Malerin Gertrud Ring auseinandersetzte, die in Berlin eng mit der Dadaistin Hannah Höch befreundet gewesen war.

Am Sonntagnachmittag sprachen Prof. Dr. Daniel Burston, Pittsburgh, Pennsylvania, über „Otto Gross, R.D. Laing and the Politics of Diagnosis“, Prof. Dr. Erdmute Wenzel White, West Lafayette, Indiana, in „Otto Gross: the Taos Connection“ über das Netzwerk von Beziehungen zwischen Otto Gross, Frieda Weekley, D.H. Lawrence, mit einer Betonung auf dem Leben der beiden Letzteren in New Mexico. Dr. Sam Whimster, London, sprach über „Ethics in Max Weber and Otto Gross: A Study in Personalities“.

Der Kongress zog weit über hundert Besucher und Vortragende an aus Belgien, Deutschland, England, Indiana, Iowa, Italien, Japan, Österreich, Pennsylania, der Schweiz und Wales ­ unter ihnen aus der Schweiz auch der Neffe und Großneffe Ernst Fricks, der eine lange Beziehung und drei Töchter mit Frieda Gross gehabt hat.

Leider waren folgende Vortragende, die sich angemeldet hatten, aus Gesundheits-, finanziellen und Arbeitsgründen nicht in der Lage, zum Kongress zu kommen: Prof. Dr. Thomas Anz hatte über „Familienväter im 20. Jahrhundert: Literarische, psychoanalytische und kulturwissenschaftliche Mystifikationen sozialer Macht“ sprechen wollen, Prof. Dr. Bozena Choluj, Warschau, über „Der Vater im Hintergrund des Anarchismus von Otto Gross“, Prof. Dr. Walter Fähnders, Osnabrück, über „Vatermord und Vatermörder. Von Arnolt Bronnen und Walter Hasenclever bis Mela Hartwig“, und Prof. Dr. Martin Green, Cambridge, Massachusetts, über Otto Gross und Robert Musils Theaterstück „Die Schwärmer“. Die Texte dieser Vorträge werden aber in den Kongress Band mit aufgenommen werden, den Dr. Albrecht Götz von Olenhusen und Gottfried Heuer herausgeben – Albrecht Götz von Olenhusen & Gottfried Heuer, Hrg. , (2004): Die Gesetze des Vaters. 4. Internationaler Otto Gross Kongress, Graz. Marburg: LiteraturWissenschaft.de, in Vorbereitung).

Sämtliche Vorträge wurden auf Video aufgenommen durch Peter Waltersdorfer, Graz, der auch in allerfreundlichster und souveräner Weise für einen reibungslosen Ablauf des Kongresses sorgte. Die Filme werden sowohl im Archiv des Stadtmuseums, Graz, und im Otto Gross Archiv, London, aufbewahrt und sind jeweils dort InteressentInnen zugänglich.

Geben Sie acht, er beisst!

Von Paul Jandl

Sie waren Brüder im Geiste und Söhne ähnlicher Väter. Im Nachtzug trafen sie einander zum ersten Mal. Zwischen Budapest und Prag versucht der Anarchist Otto Gross den erschöpften Franz Kafka mit der Auslegung einer Bibelstelle zu unterhalten. Der Schriftsteller notiert

Sie waren Brüder im Geiste und Söhne ähnlicher Väter. Im Nachtzug trafen sie einander zum ersten Mal. Zwischen Budapest und Prag versucht der Anarchist Otto Gross den erschöpften Franz Kafka mit der Auslegung einer Bibelstelle zu unterhalten. Der Schriftsteller notiert später: «Ich verstand eigentlich nicht das Geringste – so ging die Nacht dahin.» Man freundet sich dennoch an. Das Leiden an der brutalen Übermacht des Vaters eint Gross mit Kafka. Auch wenn der eine darüber Anarchist geworden ist und der andere der Literat der Angst – gemeinsam planen sie die Herausgabe einer Zeitschrift. Sie soll «Blätter gegen den Machtwillen» heissen.

In den Nachtzügen der Epoche lernt man sich kennen. Es ist eine Zwangsläufigkeit, die in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts um sich gegriffen haben muss. Zufällig hat Franz Kafka als Prager Jusstudent Vorlesungen bei Otto Gross‘ autoritärem Vater, dem Kriminologen Hans Gross, gehört. Otto Gross wiederum ist – schon aus Auflehnung gegen die Überzeugungen des Vaters – ein früher Anhänger der Psychoanalyse. Da ist es, das Dreigestirn «Autorität, Analyse, Anarchie», mit dem das Grazer Stadtmuseum zu einer Otto-Gross-Schau ins Haus locken will. Was in der Ausstellung «Die Gesetze des Vaters» geboten werden soll, sind immerhin «Freud, Kafka und Gross im Spannungsfeld von Drogen, Sex und Rebellion». Gegen diese Ankündigung einer Epochen-Peepshow wirkt die Kopie von Michelangelos Urvater Moses am Eingang der Schau beruhigend seriös. Nach Leopold von Sacher-Masoch würdigt Graz einen zweiten Sohn der Europäischen Kulturhauptstadt 2003. Auch die Internationale Otto-Gross-Gesellschaft hat in der Mur-Metropole einen Kongress zu Ehren des Anarchisten abgehalten. Sie tat das in aller Ausführlichkeit und in einem Museum, das einem dritten Grazer gewidmet ist: dem Operettenkomponisten Robert Stolz. Ironien dieser Art können die ehrwürdige Gesellschaft nicht stören. Es geht undogmatisch zu bei dieser umfassenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einer Biografie, die einen erstaunlichen Bogen schlägt: von der progressiven Kriminologie bis zur jungen Psychoanalyse, vom Anarchismus zum Dadaismus und von den Gegenkulturen des Jahrhundertbeginns bis zum Expressionismus.

Im Hause Gross ist der Vater übermächtig, die Mutter schwach. Der Knabe und nachmalige Bürgerschreck Otto wird den Gästen im Grazer Villenhaushalt mit dem Satz vorgestellt: «Geben Sie acht, er beisst!» Brillant ist Hans Gross in seiner Arbeit, brutal ist er noch gegen seinen erwachsenen Sohn. Über Degeneration hat Gross senior Einschlägiges geschrieben. Seinen drogenabhängigen, sexuell äusserst promiskuitiven Nachkommen lässt er verhaften, als der gerade in der Berliner Dadaistenszene weilt. In der Nähe von Wien wird Otto Gross interniert und psychiatriert. Es folgen Aufrufe namhafter Schriftsteller in Franz Pfemferts «Aktion». Richard Huelsenbeck, Else Lasker-Schüler, Alfred Kerr, Erich Mühsam und Blaise Cendrars fordern Freiheit für Otto Gross. Doch unter der Wucht der strafrechtlichen Kenntnisse des Vaters wird Otto Gross wegen Schizophrenie entmündigt. Es ist ein Fall wie bei Kafka. Tatsächlich hört der angehende Prager Jurist Franz Kafka von 1903 bis 1905 Vorlesungen über Strafrecht, Strafprozess und Rechtsphilosophie bei Hans Gross. Über Strafkolonien zur Verbannung «heterogener Elemente» hat der Kriminologe geschrieben, und der Philosoph Ralf Rother erläuterte beim Grazer Symposium die Parallelen zwischen dessen Ideen und Kafkas Literatur juristischer Aussichtslosigkeiten.

Harald Szeemanns aus den siebziger Jahren stammender Nachbau der Todesmaschine aus Kafkas «Strafkolonie» ist in der Ausstellung zu sehen. Es ist der Positivismus väterlichen Rechts, den diese metallisch-ausgeklügelte Maschine atmet. «Vater, so hiess der Erzfeind», steht in Franz Werfels Roman «Barbara oder Die Frömmigkeit», in dem Otto Gross, der Verfechter des Matriarchats, porträtiert wird. Väter gibt es im biografisch-ideengeschichtlichen Geflecht seiner Vita genug. Da ist neben dem eigenen noch der psychoanalytische Übervater Sigmund Freud, von dem sich der Schüler Otto Gross, der Revolution und Psychoanalyse als Einheit sehen will, alsbald lossagt.

Otto Gross‘ utopisches Gegenareal zu aller Konvention liegt im Tessin. Auf dem Monte Verità ist der subkulturelle Aufbruch der Jahrhundertwende zu Hause, und da darf neben anderen Pilgern wie Lenin und Hermann Hesse, Hans Arp und Rainer Maria Rilke, Kropotkin und Max Weber auch Otto Gross, der Künder der freien Liebe, nicht fehlen. Die Ausstellung im Grazer Stadtmuseum hat aus dem Monte Verità ein Papprollen-Gebirge gemacht, auf dem die Namenstäfelchen prominenter Besucher stehen. Gleich daneben, Stichwort «Kaffeehausrevoluzzer» Otto Gross, sind Tischchen aufgestellt, während vis-à-vis ein Lafettengewehr des reaktionären Wilhelminismus droht. So ist im Stadtmuseum Otto Gross‘ Leben Stück um Stück bebildert, ohne dass man sich je auf grössere Zusammenhänge eingelassen hätte. Von den psychoanalytisch tatsächlich relevanten Gesetzen des Vaters bis mindestens herauf zu Foucaults «Wahnsinn und Gesellschaft» hätte man Otto Gross‘ Vita produktiv machen können. Auf dem blossen Niveau biografischer Tatsachen bleibt sie anekdotisch. Dabei ist die Lebensgeschichte des Grazer Morphinisten und Anarchisten eigentlich selbst Literatur von kafkaesker Qualität.

Das laufende Verfahren Gross contra Gross war auch mit dem Tod des Vaters nicht beendet. Schmerzhaft fehlte dem Sohn der Antagonist. 1920 starb Otto Gross in Berlin. Tage zuvor hatte man den 43-Jährigen fast verhungert in einer Hauseinfahrt gefunden. Die Sätze des Vaters haben das wilde Leben des Grazer Anarchisten überdauert. In Hans Gross‘ «Handbuch für Untersuchungsrichter» steht ein Satz über das Verhör, den sich der Kriminologe ebenso ins Stammbuch schreiben kann wie der Psychoanalytiker: «In der Regel sagt der Inquisit hiebei wenigstens zum Teile die Wahrheit, tut er das aber nicht, so lernt man doch erkennen, in welcher Weise er zu lügen pflegt.»

Quelle: NZZ, 29.10.2003)

 

Betrachtung eines paradigmatischen Familienkonflikts – Das Grazer Symposium zu Hans und Otto Gross am 30. April 2005 im Stadtmuseum

Ohne AutorInangabe

Einen besonderen, unverwechselbaren Akzent setzte die Anwesenheit von Sophie Templer-Kuh, Tochter von Marianne „Mizzi“ Kuh und Enkelin von Hans Gross beim Symposium „Die Gesetze des Vaters“ im Grazer Stadtmuseum am 30. April 2005. Ständig diskret begleitet von einem Film-Team der Firma Indi-Film, das an den verschiedenen Stationen der Biographien von Vater und Tochter einen Fernsehfilm für das ORF dreht, nahm sie an den Vorträgen regen Anteil. Bewegend ihre Ansprache bei der Präsentation des ihr gewidmeten Buches mit den Vorträgen vom Grazer Kongress der Internationalen Otto Gross Gesellschaft 2003, die unter der Überschrift „Wie ich meinen Vater entdeckte und viele neue Freunde gewann“ stehen könnte.

Die vom Stadtmuseum Graz, seinem Direktor Dr. Gerhard Dienes und den anderen Mitarbeitern hervorragend organisierte Tagung (Mitveranstalter: die Karl Franzens-Universität, die Urania, sowie die Internationale Otto Gross Gesellschaft) führte die Forschungsansätze der auch international weithin beachteten Ausstellung „Die Gesetze des Vaters“ vom Oktober 2003 fort. Mit Dr. Ralf Rother, Wien, als Moderator, präsentierte der Grazer Rechtshistoriker, Dekan Prof. Dr. Gernot Kocher in einer ungemein aufschlussreichen und subtil interpretierten Auswahl aus 400 vom Kriminalmuseum Graz neu erworbenen Briefen des Familienkreises um Hans und Otto Gross überraschende Einblicke in die Frühgeschichte einer bürgerlichen Familie und der Biografien von Vater und Sohn ­ mit neuen Erkenntnissen über Adele Gross und ihre Mutter und damit über die, die frühe Sozialisation von Otto Gross mit prägenden, bislang kaum sichtbaren Frauen-Figuren und untergründig wirksamen familiären Strukturen.

Die Vater-Sohn-Beziehung aus moderner psychiatrischer Sicht und die bemerkenswerten Bezüge von Otto Gross‘ Theorien zur modernen Hirnforschung zeigte der Grazer Psychiater Prof. Dr. Piringer auf. Leben. Werk und Wirkung von Hans und Otto Gross wurden in – von Dr. Gerhard Dienes und Dr. Gottfried Heuer, London, – treffend akzentuierten biografischen Abrissen dargeboten.

Dr. Albrecht Götz v. Olenhusen, Freiburg i.Br., stellte den gerade erschienenen Sammelband des Grazer Kongresses der Internationalen Otto Gross Gesellschaft, „Die Gesetze des Vaters“, herausgegeben von ihm und Gottfried Heuer, vor. Patriarchatsdebatte, Frauenemanzipation und Erbrecht als zentrale übergreifende rechtshistorische Themenstellungen der Prozesse des „begnadeten Netzwerkers“ (P. Becker) Hans Gross seit 1913 bildeten die Schwerpunkte seines Vortrages.

Kontrapunkte zu den wissenschaftlich orientierten Darstellungen bot die anschließend dargebotene markante Szenenauswahl aus dem im Oktober 2003 uraufgeführten Theaterstück „Otto Gross ­ Tod eines Anarchisten“, präsentiert von Reza Kanzian und Franz Blauensteiner, Graz. Krönender Abschluss der überzeugend von Dr. Dienes konzipierten Programmfolge war dann die Lesung der spannungsgeladenen dokumentarischen Text-Collage (Prof. Balluch, G. Dienes) mit Texten von Kafka, Freud, C. G. Jung, Otto und Hans Gross. Hier wurde einmal mehr durch grandiose Vortragskunst deutlich, weshalb sich dieser Jahrhundertkonflikt für Literatur, Psychiatrie, Psychoanalyse und die politische Avantgarde zum Symbol einer Epoche, zum nachwirkenden Faszinosum entwickelte.

 

Der Traum von der Moderne. Der 5. Internationale Otto Gross Kongress in Zürich. Ein Bericht

Von Albrecht Götz von Olenhusen, Freiburg i.Br.

Biografisches zu Hans und Otto Gross – das war, für manche etwas unerwartet, einer der Schwerpunkte des 5. Internationalen Otto Gross-Kongresses, der vom 16. bis 18. September 2005 in Zürich im Dadahaus tagte. Erstaunlich, was dazu an neuen Erkenntnissen und interessanten Details in Vorträgen zutage kam. Der Grazer Rechtshistoriker Gernot Kocher hatte, auf der Grundlage der vom Kriminalmuseum Graz glücklich erworbenen mehr als 400 Briefe aus dem Umkreis der Familie, wichtige persönliche Perspektiven auf den jungen Otto Gross und die Karriere des Hans Gross zu bieten – erstmals gewann dabei die bis dahin wenig sichtbare Gestalt der Mutter Adele an selbständiger Kontur und trat deutlich als Charakter in Erscheinung. In gleichem Maße tiefschürfend konnte Esther Bertschinger-Joos, Zürich, die langjährige Freundin von Frieda Gross‘ Tochter Eva (der sie auch zu Beginn des Kongresses einen Nachruf widmete) den bemerkenswerten, wechselvollen und von mancherlei Tragik und Enttäuschung umschatteten Lebenslauf von Frieda Gross anhand des Briefwechsels mit Else Jaffé in aufschlussreichster Art und Weise erhellen. Diese biografisch akzentuierten Beiträge wurden in besonderer Weise ergänzt durch Gerhard Dienes, Graz: das Inselland Dalmatiens als potentielles Deportationsgebiet im Sinne von Hans Gross, eine von der Grazer feinen Gesellschaft gerne frequentierte nahe Insel Dalmatiens als zeitweises Refugium von Otto Gross, seiner Lebensgefährtin Sophie Benz und des Malers Ernst Frick. Dienes kündigte an, dass evt. im kommenden Jahr eine Ausstellung in Rijeka von ihm vorbereitet wird, die sich auch diesem Themenkreis widmet.

Ein früher Weggefährte von Otto Gross, Leopold Weiss, der später als Muhammad Asad am saudischen Königshof zu Ruhm gelangte, stand im Zentrum des spannenden Vortrags von Günther Windhager, Wien – ein vielleicht weit erscheinender, aber farbiger Weg von der Gross’schen Psychoanalyse bis zur Ethnologie und zur Esoterik des Islam. Der – auch biografisch – bemerkenswerte Kontakt von Anton Kuh mit Otto Gross wurde durch den Tübinger Germanisten Andreas Kilcher brillant thematisiert: die Theorie von Otto Gross wird von Anton Kuh angewendet und kreativ fortentwickelt in Bezug auf das Verhältnis von Juden und Deutschen. Der Wiener Schriftsteller Anton Kuh war nicht nur gewissermaßen der Schwager von Otto Gross, der mit seiner Schwester Mizzi Kuh zusammenlebte, und kein bloßer Sympathisant oder Parteigänger, sondern zeitlebens ein profunder Kenner des Gross’schen Werkes und der theoretischen Grundannahmen.

Theoretischen Aspekten waren fundierte Vorträge von Petteri Pietikäinen, Helsinki, und Gottfried Heuer, London, auf dem Kongress als Vorsitzender wiedergewählt, gewidmet. Psychologischer Utopismus einerseits, spirituelle Revolution andererseits – keine einfachen, vielmehr aktuelle, beziehungsreiche und vom Plenum gerne diskutierten Themen, wie auch der Traum der totalen Entgrenzung von Sade bis Dada, auf dem Hintergrunde der Otto Gross’schen Thesen, in dem künstlerisch inspirierten Vortrag Stefan Zweifels (Zürich) besondere Gestalt gewann. Weitausgreifend Ermute White (Indiana) mit dem subtilen und faszinierenden Fortleben von Otto Gross in der brasilianischen Avantgarde. Wie stets sehr substantiell Jennifer Michaels, Iowa, zu den wahrscheinlichen Bezügen zu Otto Gross im Werk von Robert Musil. Dazu hatte schon Martin Green anläßlich des Grazer Kongresses 2003 eine kleine Skizze beigesteuert. Michaels lieferte mehr als nur Fragmente, sondern markante Bausteine für eine These, die viel für sich hat.

Der Samstagabend wurde mit einem Vortrag (Götz von Olenhusen, Freiburg) zu dem Film von Otto Muehl über das Wien der Jahrhundertwende beschlossen – Otto Muehl in der Rolle von Sigmund Freud, Harald Szeemann als Otto Gross, neben zahlreichen anderen Episoden über Konstellationen der künstlerischen, literarischen und musikalischen Avantgarde Wiens um 1900, dargestellt von den bedeutendsten Vertretern des Wiener Aktionismus selbst oder ihm verbundenen Künstlern, wie Brus, Lassnig, Altenberg, Dieter Roth, Rudi Fuchs, Szeemann und vielen anderen, nicht nur ein Beispiel für die spezifische Rezeption der Psychoanalyse im Wiener Aktionismus, für die Einflüsse von Wilhelm Reich, sondern auch für das bislang kaum näher untersuchte Filmschaffen Otto Muehls der 80er Jahre, das ebenso zu Diskussionen Anlaß gibt wie seine Entwicklung vom Wiener Aktionismus zur Kommune Friedrichshof und deren schließlich in Bestrafung endenden Biografie Otto Muehls, heute in Portugal mit den Resten der einstigen Großkommune zu Hause.

Auch eine Biografie, in diesem Fall einmal ihre eigene, hatte im Mittelpunkt der bewegenden, offenherzigen Ansprache von Sophie Templer-Kuh gestanden: das Schicksal einer viele Jahrzehnte vaterlosen Persönlichkeit wurde deutlich, durch einen ihr wenig zugeneigten Stiefvater und durch zahlreiche schwierige Wechselfälle des Lebens zum Beginn des Faschismus in Wien und Berlin, durch die erzwungene Emigration nach Großbritannien geprägt. Ein noch in der Produktion befindlicher Film über Sophie Templer-Kuh wird, so steht zu erwarten, alsbald vieles davon gewiss ebenso eindrücklich dokumentarisch darstellen. Aufnahmen haben dazu unter anderem in Wien und in Graz, auch anläßlich des von der Gesellschaft, zusammen mit Universität Graz und Museum im Stadtmuseum veranstalteten Symposiums „Die Gesetze des Vaters“ (30. April 2005) stattgefunden.

Am Beginn des dreitägigen, von Raimund Dehmlow (Hannover) moderierten und von der Gesellschaft (durch Emanuel Hurwitz, Lydia Hurwitz-Trüb und Richard Butz) organisierten, gut besuchten Kongresses, in den Räumen des Dadahauses im Ambiente des Züricher Niederdorfs, in der berühmten Spiegelgasse, bestens situiert, hatte eine Würdigung zu Ehren des im Februar 2005 verstorbenen, weltberühmten Schweizer Ausstellungsmachers und Kurators Harald Szeemann gestanden (Götz von Olenhusen, Freiburg). Der Gross-Forschung war Szeemann seit seiner legendären Ausstellung über „Monte Verità“ (Ascona) aufs Engste verbunden. Er hat sie neben Emanuel Hurwitz, Martin Green, Thomas Anz, Bernd Nitzschke und Nicolaus Sombart mit begründet und stets gefördert. Seinem Andenken war auch dieser Kongress gewidmet.

 

Kongressbericht: „… da liegt der riesige Schatten Freud’s jetzt nicht mehr auf meinem Weg“. Die Rebellion des Otto Gross. 6. Internationaler Otto Gross Kongress, Wien, 8. – 10. September 2006

Von Melinda Friedrich

„… da liegt der riesige Schatten Freud’s jetzt nicht mehr auf meinem Weg“ – Die Rebellion des Otto Gross – lautete das Motto des 6. Internationalen Otto Gross Kongresses, der – organisiert von der Internationalen Otto Gross Gesellschaft e.V. in Kooperation mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung und der Universität Wien – vom 8. bis 10. September 2006 in Wien stattfand. Wien ist nicht nur die Geburtsstadt der Psychoanalyse, gegen deren Begründer Sigmund Freud sich Otto Gross, zunächst ein überaus eifriger Anhänger, auflehnte. Wien führte Sophie Templer-Kuh, die Tochter von Otto Gross und Marianne Kuh, zu ihrem Vater: hier entdeckte sie 1982 durch einen Zufall ihre Vergangenheit. Am 8. September 2006 war sie wieder in der Stadt, in der sie geboren wurde und aufwuchs. Aber diesmal ist sie nicht mehr alleine, sondern umgeben von Leuten, die das Interesse für Otto Gross verbindet und nun bereits zum sechsten Male zu einem Kongress zusammengeführt hat.

Am Freitagabend strahlte aus vielen Gesichtern die Freude des Wiedersehens, aber auch die neuen Freunde der Internationalen Otto Gross Gesellschaft konnten ein Gefühl der Zusammengehörigkeit empfinden. Bei der Eröffnungsveranstaltung wurden die TeilnehmerInnen zuerst von Dr. Hubert Christian Ehalt, Referent der Stadt, Mag. Dr. Thomas Hübel, Leiter des Instituts für Wissenschaft und Kunst und Prof. Alfred Springer, Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung, herzlich willkommen geheißen, dann hielt Dr. Gottfried Heuer, der Vorsitzende der Internationalen Otto Gross Gesellschaft, London, seine Eröffnungsrede, und schließlich erzählte Sophie Templer-Kuh, Ehrenvorsitzende der Gesellschaft, von ihrem wechselvollen Leben und der schrecklichen Zeit der Verfolgung und Emigration, was alle Anwesenden bewegte und tief berührte. Prof. Dr. Rolf Schwendter sprach in seinem Festvortrag über Gross’ Kontakte, Netzwerke, Freundschaften und Aversionen zu zeitgenössischen Subkulturen. Der Abend endete mit einer dramatischen Lesung „Otto Gross Mezz“, vorgetragen durch das Erste Wiener Lesetheater, unter der Mitwirkung von Christel Bender, Konrad Rennert, Sybille Schesswendter, Dieter Schrage, Christian Schreimüller, geleitet von Rolf Schwendter.

Am 6. Internationalen Otto Gross Kongress berichteten insgesamt 32 namhafte Vortragende aus sieben Ländern der Welt über ihre Forschungen zu Gross, wobei die Schwerpunktthemen in sechs Paneels behandelt und diskutiert wurden.

Die Vorträge am Samstagmorgen entwickelten die Wurzeln von Otto Gross. Prof. Dr. Alfred Springer, Wien, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf das wissenschaftliche Frühwerk, das in der Gross-Rezeption bisher weitgehend ausgespart worden ist, und hob auch die Aktualität von Gross’ Beiträgen zur frühen Entwicklung der Theorie der Psychoanalyse hervor. Dr. Lois Madison, Hamilton, New York,  erläuterte in ihrem Vortrag die wissenschaftlichen Wurzeln von Otto Gross, Dr. Helmut Gröger aus Wien zeichnete ein Bild der Psychiatrie in Wien um 1900. Den Vormittag beschloss der Vortrag von Dr. Matthias Bormuth aus Tübingen, der den Titel „Grenzen der Sublimierung. Max Webers ‚Zwischenbetrachtung‘ und Otto Gross‘ Kulturtheorie” trug.

In der Mittagspause wurde der Kongress durch eine Lesung von Bärbel Reetz im Café Prückl bereichert: die bekannte Autorin las aus ihrem jüngst erschienenen Werk „Die russische Patientin“ (Frankfurt 2006), das sich mit dem unruhigen und leidenschaftlichen Leben von Sabina Spielrein, einer ungewöhnlichen Frau zwischen Jung und Freud, beschäftigt.

Am Samstagnachmittag wurden Vorträge an zwei verschiedenen Orten parallel angeboten. Im Institut für Wissenschaft und Kunst standen Gross’ Beziehungen zu verschiedenen Psychoanalytikern, Wissenschaftlern, Anarchisten und Frauen im Mittelpunkt. Über das Arbeitsbündnis zwischen Gross und Stekel referierte Josef Dvorak aus Wien. Dr. Gottfried Heuer widmete seinen Vortrag „Brudermord auf der Couch” der persönlichen und beruflichen Beziehung von Jung und Gross. Prof. Dr. Bozena Choluj, Warschau u. Frankfurt/Oder, sprach über den Widerspruch zwischen Gross´ Ideen und dem Denkkollektiv seiner Zeit, dem Otto Gross ihrer Auffassung nach zum Opfer fiel. Dr. Albrecht Götz v. Olenhusen, Freiburg, behandelte in seinem Vortrag Max Webers Haltung zum Anarchismus. Prof. Dr. Erdmute Wenzel White, West Lafayette, Indiana, versuchte, die Briefe von Otto Gross aus der Perspektive der Adressatinnen zu erschließen. Claudia Böhnke, Bonn trug schließlich über Hans Walter Gruhle („Das wissenschaftliche Gewissen der Psychiatrie“) vor.

Im Leseraum des Instituts für Geschichte der Medizin kreisten die Vorträge um das Thema Trauma, Schmerz und Sucht des Otto Gross. Hier sprachen Dr. Jann E. Schlimme, M.A., Hannover, über „Fragilität und Stabilität – zur Anthropologie der Sucht”, Univ.-Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser, Wien, über „Die Katastrophen der Kindheit und ihre Auswirkungen im Leben der Erwachsenen”, Am Ende setzten sich Raimund Dehmlow und Dr. Torsten Passie M.A., Hannover, in ihrem Vortrag „Die ‚eiserne Klammer um Kopf und Herz‘ – Trauma und Sucht des Otto Gross” mit der Psychopathologie von Otto Gross und den daraus resultierenden diagnostischen Implikationen auseinander.

Ein besonderes Erlebnis bedeutete die zweistündige literarische Wanderung mit Dr. Karl Bruckschwaiger. Es wurden Orte aufgesucht, die an Sigmund Freud – wie die Krankenhäuser, wo er arbeitete oder die Geschäfte, wo er seine Antiken zu kaufen pflegte – und an Otto Gross – die Kaffeehäuser des literarischen Wien, wie die Cafés Central und das Herrenhof – erinnerten. Der ganze Erste Bezirk wurde durchquert, und die TeilnehmerInnen landeten schließlich im Café Prückl, wo ein gemütlicher Abend mit Sophie Templer-Kuh sie erwartete. Das Gespräch mit Sophie, die als Kind und junge Frau zu den Kreisen der Wiener Bohème gehörte und nun ihre Erinnerungen mit den Anwesenden teilte, wurde von Dr. Manfred Müller moderiert.

Am Sonntagmorgen, einem schönen sonnigen Herbsttag, trafen sich die Kongress- TeilnehmerInnen wieder im Hörsaal des Instituts für Geschichte der Medizin, um Vorträge zum Schwerpunkt Emanzipation anzuhören. Prof. Dr. Michael Rohrwasser, Wien, ging in seinem Vortrag „Sigmund Freud, Hans Groß und Otto Groß. Neue Blicke durch alte Löcher“ der Frage nach, warum Freud eine größere Nähe zu Hans Gross hatte als zu seinem Schüler Otto Gross. Der Vortrag „Eros und Emanzipation” von Markus Brunner, Hannover, erörterte, wie sich die psychoanalytischen Erkenntnisse für eine emanzipatorische Praxis nutzbar machen liessen. Prof. Dr. Diethart Kerbs, Berlin, rekonstruierte in seinem Vortrag „Von der bürgerlichen Jugendbewegung zum Linkskommunismus” die Lebensgeschichte des Simon Guttmann, der in Künstlerkreisen bekannt und unter anderen mit Franz Jung und Walter Benjamin befreundet war. Im Zentrum des Beitrages von Dr. Dieter Schrage, Wien, stand Pierre Ramus und die Neuschöpfung der Gesellschaft. Abgeschlossen wurde der Vormittag durch den Vortrag „Frauenbewegungen im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Traditionslinien, Differenzen und Transformationen”, gehalten von Prof. Dr. Ingrid Miethe aus Darmstadt.

In der Mittagspause lud Teresa Ruiz Rosas zu einer Autorinnenlesung „Das Porträt hat Dich geblendet“ / „Die Nachwelt“ ein, während die Mitgliederversammlung der Internationalen Otto Gross Gesellschaft stattfand, wo Dr. Emanuel Hurwitz, Gross‘ erster Biograph und Begründer der Gross-Forschung, zum Ehrenvorsitzenden der Internationalen Otto Gross Gesellschaft gewählt wurde.

Am Nachmittag wurden im Institut für Wissenschaft und Kunst Vorträge zum Thema Caféhaus präsentiert. Dr. Gerhard Dienes, Graz, gab in seinem Vortrag „Brutstätten revolutionärer Ideen“ einen Überblick über Politik im/und Kaffeehaus. Prof. Dr. Hans Hautmann, Linz, brachte in seinem Vortrag „Franz Werfel, ‚Barbara oder die Frömmigkeit‘ und die Revolution in Wien 1918” das Phänomen der Anfälligkeit von Intellektuellen, Künstlern, Bohemiens für ultraradikales Auftreten in Zeiten revolutionärer Umwälzungen zur Sprache. Prof. Rotraut Hackermüller, Wien, erläuterte in ihrem Beitrag die „Realität des Hungers am Beispiel Otfried Krzyzanowski mit einem Exkurs zu Franz Kafka”. Um die Einsamkeit des Anton Kuh handelte es sich im spannenden Vortrag von Prof. Ulrich N. Schulenburg, Wien. Zum Schluss machte Dr. Alfred Strasser, Lille, mit dem Leben eines Mäzens von Literaten, des ungarischen Lajos Hatvany, bekannt.

Um Otto Gross’ Beziehung zu Frauen ging es im letzten Paneel des Tages. Dr. Gottfried Heuer, London, stellte seine Forschungsergebnisse und viele unbekannte Dokumente zur Lebensgeschichte von Marianne „Mizzi“ Kuh, der – von Gross sogenannten – „Verlobten“ Otto Gross‘ und Mutter der gemeinsamen Tochter Sophie, die zusammen mit ihrem Sohn, ihrer Nichte und Großnichte anwesend war. Anschließend erzählte Prof. Dr. Eberhard Demm, Lyon u. Koszalin, ebenfalls von einer Frau: „Else Jaffé-Richthofen zwischen Edgar Jaffé, Otto Gross und den Brüdern Alfred und Max Weber” lautete der Titel seines Vortrages. Hermann Müller, Freudenstein, gab Sophie Benz eine Stimme und ging den Umständen ihres Todes nach. Dem Leben Regina Ullmanns und ihrer Beziehung zu Otto Gross widmete Kristina Kargl aus Kirchseeon ihren Vortrag. Der letzte Vortrag des Tages, gehalten von Shinji Hayashizaki, Osaka, befasste sich mit der tschechischen Journalistin Milena Jesenská, ihrem Ehemann, dem jüdischen Bankbeamten Ernst Polak, Stammgast in der Prager und Wiener Caféhaus-Szene und „Literat ohne Werk”, und Otto Gross.