Ludwig Rubiner’s „Psychoanalyse“

Die Aktion, III. Jahr, Nr.20, Berlin,14. Mai 1913, Spalte 506—507

Ludwig Rubiner’s (1) „Psychoanalyse“

Ich habe vor vielen Jahren auf dem Salzburger Psychoanalytikerkongress (2) von der Perspektive gesprochen, die sich mit der Entdeckung des „psychoanalyanalytischen Prinzips“ d.h. der Erschliessung des Unbewussten auf die Gesamtprobleme der Kultur und den Imperativ der Zukunft richtet. Es ist mir damals von S. Freud erwidert worden: Wir sind Aerzte und wollen Aerzte bleiben.

Wir wissen heute, wie unendlich grösser die Gabe gewesen ist als es der Schenkende selbst zu hoffen sich gestattet hat. Heute ist uns die Psychologie des Unbewussten die einzige und erste sichere Gewähr für wirkliche Antworten auf wirkliche Fragen und richtige Wege zu richtigen Zielen — es gibt bereits ein Organ, das auf dieser Basis die ersten, wenn auch unsicheren Schritte versucht. Die Literaten vermögen allerdings noch zu glauben — treuherzig und simpel: „Wichtig ist nur ihr brutal praktischer Nutzen, der Heilerfolg.“

Wir aber meinen: dass jetzt der Mensch sich selbst erkennen kann, dass jetzt die Menschen hoffen dürfen und erstreben müssen, einander zu verstehen, dass so die unendliche letzte Einsamkeit um den Einzelnen herum überwindbar wird, dass eine Ethik mit wirklichen Lebenswurzeln sich ankündigt, das ist ihr praktischer Erfolg.

Selbstverständlich war es die Kunst, welche bisher allein der Erkenntnis der unbewusst psychologischen Zusammenhänge vorangeleuchtet hat, und es wird auf die Kraft des Künstlers ankommen, wieder auf neuen Erkenntniswegen voranzugehen. Eine Kunst, die sich nicht traut, durch die letztmöglichen Fragen der Unbewusstseinspsychologie hindurchzugehen, ist nicht mehr Kunst.

Wir, die wir über die Einsamkeit hinauswollen, glauben nicht mehr, dass der gesetzgeberische Geist der schöpferische sein wird — allerdings: die Idee an sich ist vergewaltigend, sie zwingt — sondern wir glauben, dass nur die Idee, die jenseits der Einsamkeit, d.h. in der Liebe ist, schöpferisch und frei, also freier Geist sein wird. Der freie Geist, der nicht in der freien Liebe ist, wird immer konservativ oder zersetzend sein, Gott oder Teufel, aber niemals freier Geist.

Ludwig Rubiner verrät einen verhängnisvollen Irrtum, indem er die Frau dem freien Geist gegenüberstellt. Wir glauben, dass jene Revolution die erste und wirkliche sein wird, die Frau und Freiheit und, Geist in eins zusammenfasst.
(1) Expressionistischer Schriftsteller (1881 ­ 1920), der gegen Gross in Die Aktion polemisiert hatte (s. Psychoanalyse, Die Aktion, III.Jg., Nr. 19, 7. Mai 1913, Sp. 483). Anm.d. Hg.
(2) 27. April 1908. Anm.d. Hg.