Notiz über Beziehungen

 

Die Aktion, 3. Jg., 20. Dezember 1913, Spalte 1180­1181.

Notiz über Beziehungen
Von Otto Gross

Notizen, die Otto Gross wenige Tage vor seiner Einsperrung mir übergab.
F[ranz]. P[femfert].

Die Beziehung als Drittes, als Religion genommen, enthält den Zwang zur Individualisierung. Dierser Zwang ist automatisches Aufzeigen aller Erlebensmöglichkeiten, der Fähigkeiten zur Aufrechterhaltung aller ins Allgemeine, Zusammenfassende strebenden psychischen Wärme (Niveaufixierung).

Die Beziehung im heutigen Sinne ist eine Brücke, deren Pfeiler vom momentanen Erleben Sicherung empfangen, d. i. eine Kontinuität vortäuschen, deren organisch notwendige Aufrechterhaltung mit der für ein reines Erleben psychisch notwendigen Tendenz einer fortwährenden Auflösung und Veränderung nicht in Einklang zu bringen ist, also eine Kontinuität mit der Tendenz as sich selbst zu kranken. (Daher heute reinstes Erleben: Verschmähungskomplex, Wille zum Sterben.)

Diese Konflikte bestimmen das Erleben, das sich im Durchschnitt in Kompromissen abschwächt (Formen der Hysterie, Neurose) und als Normalität projeziert die Angst innerhalb einer im Unterbewußtsein ständig zusammenbrechenden Kontinuität ergibt (Langeweile). Die Tendenz zur Überwindung dieser Angst reißt bei stärkstem Individualitätswillen Erlebensmomente auf, mit dem Zwang einer für die Allgemeinheit möglichen Zusammenfassung (Genialität).

Die Konstellation dieses Erlebens führt den Begriff der Vergewaltigung ein. Der Kern jeder Vergewaltigung ist Schwäche. Eine Schwäche, die vor der Lebensangst kapituliert, die den blinden Glauben an die Verdrängung aus Instinkt sich jeweilig erzwingen muß.

Der Vergewaltiger ist der Kranke, der Untergehende, der das Zeichen der Inferiorität trägt. Er ist ungefährlich, sofern der Partner die Reinheit des Erlebens, das Leid aus dem sich behauptenden Befreiungsstreben der Individualität dem geforderlen Kompromiß entgegensetzen kann, und er ist Werkzeug, sofern er als Ausgangspunkt eines Erleidens das Erleben das Partners produktiv gestaltet.

Dieses Erleiden, das sich zum Leben, zur Intensität expansiv ausgestaltet, ist für den positiven Menschen in diesem Sinne der Inhalt einer Beziehung, das Freiwerden einer Mitfreude, die Kameradschaft, die Religion.
Der aus der Reinheit des Erlebens resultierende Zwang zu dieser Beziehung ist organisch und psychisch zusammengehende Grundlage einer neuen Lebensform, Glauben, Sehnsucht und eine die zukünftigen Zeiten ausfüllende Lebensgemeinschaft.