Protest und Moral im Unbewußten

Die Erde, 1. Jg., Heft 24, 15. Dezember 1919, S. 681 ­ 685

Protest und Moral im Unbewußten
von Otto Gross *

„Wenn Einer Kain erschlüge,“ sagt die Schrift, „das sollte siebenmal gerochen werden.“ Es gibt für dieses Wort nur eine Deutung: sieben Menschen wert ist Kain. Durch seine Tat: wenngleich sie mit besonderer Betonung des Sinnlos-Primitiven ihrer dem Täter selber kaum als Grund erscheinenden Bewußtseinsmotivierung als nur zerstörend unterstrichen wird. Denn diese Tat ist die Geburt des revolutionären Protestes*. Nicht wie nach griechischer Tradition das ewige Hoffen, sondern die ewige Unzufriedenheit war als das einzige Gut in die entwertete Welt gekommen. Und hinter der scheinbar sinnlosen bösen Tat, die aus dem Dunkel des Unbewußten in rätselhafter Unvermitteltheit emporquillt, zeigt sich als tiefste Wirklichkeit das Ewigkeitsmoment des unverlierbar, unaufgebbar Guten.

Die Psychologie des Unbewußten erschließt uns jetzt das Gebiet der verborgenen Werte, die in der Anlage präformiert und durch den seelischen Druck der Erziehung und überhaupt aller Autoritätssuggestionen aus dem Bewußtseinsbereiche der Seele verdrängt, nunmehr methodisch wieder bewußt gemacht werden und jetzt den geltenden Normen und ihrem Effekt gegenüber das ursprungsnähere Bild des Menschen mit seinen wirklichen Möglichkeiten, mit seinen angeborenen Eigenwerten und seinem primären Bestimmtsein durch seine Anlagen selbst wieder herzustellen gestatten. Die Unbewußtseinspsychologie gibt uns damit das erste Substrat für eine Problemstellung über den Wert der Werte ­ das Ausgangsproblem des revolutionären Denkens. Die Revolutionsforderung als Resultante der Psychologie des Unbewußten wird absolut, sobald sich erweist, daß die Verdrängung der Anlagewerte das Opfer der höchsten menschlichen Möglichkeit ist.

Deswegen ist die psychoanalytische Schule, deswegen ist der große Entdecker S. Freud gerade vor diesem Evidentwerden stehen geblieben. Niemand vermag aus eigener Kraft, allein auf weit vorausgebahnten Wegen des Erkennens, durch Sperrungen zu dringen, die Wert und Geltung eines, der eigenen Persönlichkeitsgewohnheit verwachsenen Prinzips umfrieden. Dem Erkennen der klassichen Psychoanalyse ist seine Grenze gezogen gerade vor den Entdeckungen, durch welche alle traditionelle Autorität in Frage gestellt und die Existenzbasis derer erschüttert [681/682] wird, die in der Autorität der bestehenden Ordnung sich bodenständig und sicher fühlen. So endet ihr großes Erschließungswerk mit der Freilegung der die tiefstverdrängten seelischen Elemente, die angeborenen Eigenwerte, im Unbewußten überlagernden Schicht, als deren Gehalt sich eine chaotische Allperversität der Triebe und der Gefühle empirisch nachweisen läßt. Diese Häßlichkeit der Motive des Unbewußten schien dem bestehenden Autoritätsprinzip, der Unterdrückung des Individuellen und den geltenden Normen Recht zu geben, und damit durfte sich die psychotherapeutische Forderung der klassischen Psychoanalyse darauf beschränken, die Negativität der aufgedeckten Impulse bewußt zu überschauen und sie den führenden Normen des Unbewußtseins gernäß zu korrigieren und niederzuhalten . . .

Wir aber behaupten, daß eine konsequente und schrankenlose Psychologie des Unbewußten als tiefst heraufgehobenes Ergebnis Entgegengesetztes enthüllt: uns sind die fürchterlichen Verzerrungen und Erniedrigungen des Impuls- und Gefühlslebens, die hinter den Bewußtseingrenzen angestaut auf alles seelische Geschehen sabotierend wirken, die selbstverständlichen Verirrungen und Verzweiflungskrämpfe bereits der gebrochenen, durch Zwang und Lockung von außen her such selber entfremdeten Psyche, für deren Zustand schon die Verdrängung der eigenen orientierenden Kräfte, der angeborenen Eigenwertung Voraussetzung ist. Für uns liegt hinter jeder inneren Zerrissenheit die Unvereinbarkeit von angeboren eigenen und suggerierten fremden Motiven; es ist uns selbstverständlich, daß alle Anlagen notwendig einheitlich sind; es erscheint uns absurd, die selbstverständliche Zweckmäßigkeit des Angeborenen und Angelegten nicht schon an sich als Harmonie und präformiert-harmonisches Zusammenfunktionieren zu erkennen. Wir nehmen die angeborenen Impulse als zweckmäßig an, nicht nur im Sinne individueller, sondern vor allem auch sozialer Zweckmäßigkeit. Die souveräne angelegt-soziale und angeboren-ethische Präformation, welche wir jetzt durch die Methodik der Psychologie des Unbewußten aus der Verdrängung freizumachen imstande sind, ist uns bereits durch die Entdeckungen P. Krapotkins bekannt: der angeborene „Instinkt der gegenseitigen Hilfe“, auf dessen Nachwis auf vergleichendem biologischem Wege P. Krapotkin die erste Basis für eine wirkliche Ethik als einer zugleich genetisch-begründenden und normativen Disziplin zu errichten begonnen hat. ­

Die Möglichkeit, bis zu den Wertelementen der Anlage selbst, den tiefst verdrängten Motiven von allen, ins Unbewußte hinabzudringen, erreichen wir jetzt durch eine technische Auswertung unserer neuen Voraussetzungsbasis vom Dasein verdrängter ethischer Anlagen zu einem speziellen Prinzip der psychoanalytischen Arbeit. Es [682/683] hat sich die bisher so rätselhafte Erscheinung der Unzerstörbarkeit oder besser gesagt: der Unaufgebbarkeit der neurotischen Elementarsymptome zurückführen lassen auf das Verankertsein jedes wie immer furchtbaren, häßlichen oder grotesken Einzelsymptomes an einem tiefsten Ursprungsmotiv, das immer zum unaufgebbar Guten gehört und dessen Loslassen deshalb unmöglich bleibt. Erst mit dem Auslösen dieses Motivs aus seinen fixierten Assoziationen und mit der Ermöglichung seiner Eigenfunktion im freien Bewußtseinsgebrauch verschwindet das vorher fixierte Einzelsymptom, durch welches sich bishin jenes Motiv, verkrampft, verbildet und paradox, zu Leben und Ausdruck durchgedrängt hatte. So läßt sich die masochistische Einstellungsart von zahlreichen Frauen durch das Bewußtmachen einer zugrundeliegenden Mutterschaftssehnsucht beenden, negativistisch-verkrampfte Selbstisolierung durch Freimachen einer bestimmten, moralisch geforderten Abwehr durchbrechen und anderes mehr. So lösen sich ungezählte Fälle von krankhafter Sabotage an sich und anderen mit der Befreiung eines Impulses zum revolutionären Protest, der situationsgemäß-sittlichen Projektion zugleich des Instinktes zum Schutz der eigenen seelischen Art und des Instinktes zur gegenseitigen Hilfe.

Wir sind also durch die Methodik der Psychologie des Unbewußten instand gesetzt, eine praktisch unermeßliche Fülle von positivster seelischer Kraft zu befreien ­ eine Möglichkeit, welche noch nie einer Zeit geboten gewesen. Wir dürfen deshalb mit einer neuen, besonderen Hoffnung und Pflicht uns für die Krise bereiten, durch die wir hindurchzugehen haben und welche im Augenblick gleicher Entwicklungsreifung bisher noch jeder Kultur die Katastrophe gebracht hat. ­

In einer bestimmten Entwicklungsphase wird jede Kultur zur Alternative von Untergang oder Metamorphose determiniert: mit der vollendeten Beifung der Stadtkultur. Die Souveränität der Stadt im Kulturellen und was dafür Voraussetzung ist: zivilisatorischen Leben ist die vollzogene Ueberwindung der langen Periode,in der die Scholle dem Menschen die Elementareinheiten der Arbeitsgruppierung und in dieser die Grundform persönlichen Miteinanderlebens bestimmt: die Wirtschaftsvereinigung Mann-Weib-Kinder zur Ausführung der vom Boden gestellten Teilaufgaben, d. i. die Vaterrechtsehe als typisch der Landwirtschaft angepaßte Primärgruppierung.

Der Uebergang zum städtischen Leben beendet die Bindung der Existenz und die Anpassung aller bestimmenden Dinge an Boden und Ackerbau. Mit dieser Erlösung von der Scholle beginnt [ 683/684] ein neues Erwachen der expansiven Vitalität ­ wie ehemals, vor der Schollenbindung.

Durch diese Erneuerung drängenden inneren Lebens wird eine ungeheure Fülle von schöpferischen Kräften mobil und macht diese Zeiten der nahenden Entscheidung zugleich zu den typischen Hochperioden chaotisch quellenden Neugestaltens.

Auf diesem Entwicklungesniveau vollzieht sich ausnahmslos in jeder Kultur die Katastrophe der sexuellen Moral. Der unaufhaltbare Zersetzungsprozeß auf dem Gebiete der Moral enthüllt das völlige Ueberlebtsein der Institution. In der Periode der dominierenden Landwirtschaft eben noch haltbar als bäuerlich-ökonomische Einrichtungsform, wird sie vom Augenblick der vollzogenen Ablösung von der Scholle an dem Menschen der neuen Periode wieder so fremd wie sie dem Menschen der Urzeit gewesen war.

Die Vaterrechtsfamilie verliert, vom Boden gelöst, den ökonomischen Wert einer relativen Angepaßtheit ­ das einzige, was bis dahin noch die Unertragbarkeit der Zwangsbeziehung zurückgedrängt hatte ­ und wird jetzt für den einzelnen auch wirtschaftlich gewöhnlich eine niederdrückende Last; sie behält allein noch die Qualität einer staatlichen Evidenthaltung der Zahlungspflichtigkeit für jedes einzelne Kind. Der menschliche Protest des Individuums gegen den sinnlos gewordenen, den einzelnen nur mehr beschränkenden und verbildenden Druck läßt sich nicht anders mehr als unter steigender Konfliktbelastung verdrängen. Und immer größer wird die Dissonanz einer neuen Innerlichkeit mit der stützenlos werdenden Tradition. Die charakteristischen Ueberkompensationsbestrebungen, welche in solchen Zeiten als „Moralismus“ zur Geltung kommen, sind selbstverständlich ausnahmslos verlorene Versuche, den alten Normen ohne jede Aussicht ihre unzulänglich gewordenen Motive zu ersetzen oder zu ergänzen, durch eine unvermeidliche inhaltleere Propagana die alte Macht zurückzubringen. Die große Belästigung des Privatlebens aber und unter Umständen auch noch ernstere Uebergriffe, zu denen der Moralismus immer tendiert, erhöhen Wachstum und Bedeutung der antagonistisch orientierten, für das Kulturgetriebe solcher Phasen noch ungleich mehr bedeutungsvollen und charaktergebenden Erscheinung: des prinzipiellenImmoralismus. Der Immoralismus ist der Ausdruck der tiefinnerlichen latenten Ratlosigkeit solcher kritischen Zeiten, als Niederschlag einewr Verwechslung der bestehenden, an sich selbst und von vornherein schon höchst relativen und nunmehr voll überlebten Moral mit Begriff und Möglichkeit ethischer Werte und Normen als solchen. Dem Immoralismus wie dem Moralismus liegt eine Verkennung der Zeichen der Zeit zugrunde. Denn „Sittenverfall“ ist Notwendigkeit einer neuen Norm an Stelle der alten. [684/685]

So ist die Phase beschaffen, durch die wir hindurchzugehen haben ­ dieselbe, in der die Krise und Katastrophe noch über jede Kultur gekommen ist. Es ist noch niemals bisher der schicksalsentscheidenden Forderung des Momentes Genüge geschehen: der Forderung, produktiv ein vollständing Neues zu schaffen und zu realisieren, eine neue Institution und neue, diesmal der menschlichen Seele verwandtere Werte, zur neuen Lösung des immer bleibenden großen Problems: des Problems der wirtschaftlichen Instandsetzung der Frau zum Uebernehmen der Mutterschaftsleistung. Nur dieses allein ist der wahre soziale und ethische Inhalt der Frage ­ der ersten und größten Gesellschaftsfrage. Wird sie in dieser Entscheidungszeit nunmehr bewußt und verstehend gestellt, so ist das Postulat der Beantwortung selbst gegeben: die Leistung der ökonomischen Mutterschaftsdeckung durch prinzipielle Aufbringungspflicht der Gesellschaft. Damit erfüllt sich das Gesetz, daß alle großen Neugestaltungen ein Wiederaufnehmen ihrer Ausgangsformen auf einer höheren Ebene und Ordnung sind. Die Lösung von der Scholle führt die Erlebens- und Anspruchsformen, das innere Erfassen der Welt, der Mitmenschen und des eigenen Ich, die Forderung an die Gesellschaft und ihre treibenden Kräfte, an Institutionen und Werte, zur Urzeitfreiheit, nur auf dem erhöhten Niveau des Differenziertseins durch endlos getragenes Leid und der verzehnfachten Kraft des revolutionären Protestes zurück.

So stellt die Zeit selbst die unmeßbaren inneren Kräfte bereit, die als Geist und Zerstörung, Sehnsucht und Wut chaotisch nach vorwärts, zur Wandlung oder zum Untergang drängen. Der größere Teil dieser Kraft zersetzt sich im inneren Konflikt mit den geltenden Normen und staut sich im Unbewußten; was dort im Bereich der verdrängten Dinge bereitsteht, die angeborenen ewigen Werte sowohl als die Erneuerungskräfte der Uebergangszeit, das sind wir heute im Stande, der zielbewußten Verwertung verfügbar zu machen. Das haben wir endlich erreicht als unsere Hoffnung und unsere Pflicht vor allen anderen Zeiten: es ist eine Aufgabe, die zu unendlicher Mühe, zu liebevollster Detailarbeit zwingt. Ihr muß vor allem die souveräne Bedeutung in Unterricht und Erziehung eingeräumt werden, damit wir den Weg zur Seele des einzelnen Menschen finden. Und sie muß überall hemmungslos durchgeführt werden, mit Aufnahme aller Konsequenzen, im vollen Bewußtsein des absolut unüberbrückbaren Gegensatzes zu Allem und Jedem, was heute als Autorität und Institution, als Macht und Sitte der Menschheitserfüllung im Weg steht.


*   In vielen seiner veröffentlichten Texte hat Gross Worte und ganze Passagen durch  S p e r r d r u c k  hervorgehoben. Bedauerlicherweise sind diese und andere Hervorhebungen bei Neuveröffentlichungen bisher nicht berücksichtigt worden. Leider macht der  S p e r r d r u c k  die betreffenden Textstellen für eine elektronische Suche unauffindbar. Daher erscheinen diese Stellen hier im fetten Schrägdruck. Ansonsten entspricht der Text in Orthographie und Hervorhebung der Originalveröffentlichung (d. Hrg.).